Erste DiGA-Anmeldungen: Ist das die Zukunft der Medizin?

Das Rennen ist eröffnet, DiGA können auf den Weg gebracht werden. Genauer: Es ist möglich, den formellen Antragsweg zu beschreiten, um eine Finanzierung aus dem Gesundheitssystem zu ermögliche. Oder, in sehr ordentlicher Formulierung: Hersteller von Digitalen Gesundheitsanwendungen (DiGA) können einen Antrag zur Aufnahme in das DiGA-Verzeichnis beim Bundesamt für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) stellen. Die ersten 15 DiGA sind eingereicht, die Übersicht findet sich hier und wird laufend aktualisiert.

In Zeiten, in denen die Professionalität der statistischen Auswertung von Studien in Schlagzeilen des Boulevards diskutiert und diskrediert wird, ein Disclaimer vorab: Natürlich erlauben es die ersten 15 Einreichungen nicht, ein umfassendes und differenziertes Bild der digitalen Medizin zu zeichnen. Doch ein erster Eindruck sei erlaubt.

Was sehen wir in dieser Reihe der DiGA? Anwendungen zum Thema Ernährung, Verdauung, Diabetes. Apps zu psychischer Gesundheit und Stress. Migräne-Apps, Schlaftraining und Mobilitätsanalyse. Eine befasst sich mit der Daten-Kommunikation zwischen Arzt und Patient. Und dann ist da ADA. Ganz offensichtlich ist diese Technologie das, was der Zukunft der Medizin in Deutschland 2020 am nächsten kommt. Das ist eine gute Nachricht; im Sinne von: Immerhin. Wer allerdings durch die Etablierung von DiGA einen Schub in Richtung zukunftsweisender digitaler Medizin erwartet hatte, braucht keine neue App, sondern schlicht: Mehr Geduld.

Worin liegt der kategorische Unterschied hier? Wer Schlaf- oder Darmprobleme hat, findet mit der passenden App sicher Hilfe. Gut so. Die Zukunft der digitalen Medizin – und damit ist hier gemeint: Das wahre Potenzial der Daten – wird dort erst sichtbar, wo die Diagnose noch nicht steht. Daten heben Anamnese-Prozesse auf eine völlig neue Ebene. Hier liegt die Kraft der digitalen Medizin, in der Vernetzung, Verknüpfung, Aufbereitung und Interpretation größter Mengen unterschiedlichster Daten. Das kann ADA. Dazu trägt sicher auch Scitim bei. Ende in dieser Liste.

Es mag sein, dass hier genau diejenigen Anwendungen in der ersten Reihe stehen, die ohnehin fertig entwickelt waren und sich nun lediglich einen zusätzlichen Erlösstrom erschließen wollen. Es mag ebenfalls sein, dass diese sehr konkreten Anwendungen einfach schneller und leichter zu entwickeln sind. Zum dritten vermögen sie zweifellos Nutzen zu stiften. Aber wenn wir nach der Zukunft der Medizin fragen, warten wir noch auf etwas, das ebenso viel – oder gar mehr? – Zukunft ist als ADA.

Vernichtendes Ergebnis des EPatient Survey

Der EPatient Survey ist eine zumindest halbwegs repräsentative Online-Studie zum Zustand der digitalen Gesundheit in Deutschland und vor allem der Nutzung digitaler Gesundheitsangebote durch die Patienten. Also: Kunden. Das ist positiv, da können wir etwas lernen. Gerade haben Alexander Schachinger und Team die Ergebnisse 2020 vorgestellt. Das Learning: Es ist ein Trauerspiel.

Ein Schlaglicht: Die Nutzung der Online-Sprechstunde bei Arzt und Ärztin hat sich verdreifacht. Klingt gut. Der Anteil der Patient*innen, die die Online-Sprechstunde genutzt haben, ist von 0,7% auf 2% angewachsen. Die banale Erkenntnis muss also lauten: Die Online-Sprechstunde findet nicht statt. Sie ist eine Chimäre. Dass der Erhebungszeitraum den Anfang der Corona-Pandemie mit eingeschlossen hat, bestärkt nur diese Interpretation.

Der Studienleiter sieht hier einen “großen Zuwachs”. Die Digitalunternehmerin und Mitgründerin des Spitzenverbands Digitale Gesundheitsversorgung, Diana Heinrichs, kommentierte auf der heutigen digitalen PK: “Das Ergebnis ist vernichtend”.

Julia Hagen von Bundesgesundheitsministerium berichtete aus Workshops mit Ärzten zu Gesundheitsapps und der Nutzung in Beratung und Behandlung. Ein prägender Eindruck: Die Ärzte seien überwiegend positiv gestimmt, fürchteten aber Mehrarbeit. Der interessierte Beobachter fragt sich: Ja, was denn sonst? Das auch in der PK zitierte Beispiel von Amazon und deren kompromissloser Einfachheit in der Bedienung ist eben das Ergebnis außerordentlich harter Arbeit. Der EPatient Survey sagt: Die Menschen wünschen sich einfache und nützliche Gesundheitsapps, eine relevante Nutzung allerdings findet derzeit nicht statt, jedenfalls bei den Apps, die der Gesetzgeber auf dem Schirm hat. Man müsse jetzt doch einmal die PTA in den Apotheken dazu bringen, die Kunden aktiv auf Gesundheitsapps anzusprechen. Ob man denn wenigstens das Bildungssystem in Sachen Digitalisierung überholen könne, fragt sich der Moderator der PK. Auch die Auswahl der Ziele sagt etwas über die eigenen Ambitionen.

Was also ist trauriger? Die Erkenntnisse, die im Grunde eine ungute Vorahnung nur mit neuen Daten untermauert haben – oder die Reaktion darauf? Treffen Sie bitte selbst eine Entscheidung.

Transhumanismus in Zeiten von Corona

Der Zukunftsforscher in mir schwankt ob einer Mitteilung von Zoltan Istvan von heute morgen. Zoltan ist einer der profiliertesten Transhumanisten der USA und darüber hinaus. Er treibt das Thema inhaltlich voran und weiß auch die nötige Publicity zu erzeugen, bis hin zur eigenen Präsidentschaftskandidatur. Zugleich ist er einfach ein sehr netter Kerl, der in keiner Fußgängerzone dieser Welt ohne weiteres Aufsehen erregen würde.

Bei LinkedIn verbreitet er heute morgen folgendes Statement:

Wer in den vergangenen Wochen den Corona-Lockdown unterstützt hat, trägt mittelbar Verantwortung für schrumpfende Budgets in der medizinischen Forschung abseits der Virologie. Daher: Wer heute schon ein gewisses Alter erreicht hat, für den könnte der nötige Durchbruch bei der erheblichen Verlängerung des menschlichen Lebens schlicht zu spät kommen. So der Blick des Transhumanismus.

Das mag als Theaterdonner abtun, wer es mag. Zoltan hat aber doch zumindest einen Punkt hier: Treffen wir die richtige Balance zwischen maximaler, kurzfristig notwendiger Aktion und dem Mut, groß, langfristig und visionär zu denken? Niemand kann wollen, dass Menschen schwer erkranken, weil wir nicht schnell genug einen Impfstoff gegen den aktuellen Corona-Virus entwickelt haben. Aber wollen wir, dass wir das menschliche Leben erst später deutlich verlängern, als wir es möglicherweise sonst könnten? Wie unmittelbar die Wechselwirkungen am Ende auch sein werden, der Ruf nach Mut und Vision in Zeiten von Aktion ist notwendig.

Corona: Keine Lüge, … aber eine Falle

So viel Tempo war noch nie in der Gesundheitswirtschaft. Von einem lokalen viralen Infekt in China zu einer milliardenschweren, paneuropäischen Geberkonferenz in wenigen Monaten. Wir könnten fast glauben, im internationalen Wettbewerb um den ersten Impfstoff gegen Corona entscheide sich die Zukunft der Medizin. Die Digitalisierung der Gesundheit besorgen wir mit der Corona-App. Und die Ethikkommission befasst sich mit der Impfpflicht. Schon sind alle glücklich, bzw. wenigstens beschäftigt. Und in der Falle.

Systeme neigen zum Selbsterhalt. Diese Grundwahrheit aus der systemischen Beratung wird sich in den kommenden Monaten am Beispiel Corona bewahrheiten. Das System hat eine einfache, aber verlockende Falle für uns aufgestellt. Sie folgt einer einfachen Dramaturgie:

  • Wir konnten in kürzester Zeit einen Impfstoff entwickeln, testen und produzieren. Das belegt die Leistungsfähigkeit unseres Gesundheitssystems, Abteilung Forschung.
  • Wir konnten zu jedem Zeitpunkt gewährleisten, dass ausreichend freie Kapazitäten in der Intensivmedizin vorgehalten werden konnten. Das belegt die Leistungsfähigkeit unseres Gesundheitssystems, Abteilung für Stationäres.
  • Wir haben jetzt eine Gesundheitsapp, mit/ohne … (bitte beliebigen Tech-Konzern einsetzen). Das belegt, wie flexibel und entwicklungsfähig unser Gesundheitssystem ist, Abteilung Irgendwas mit Computer.

Der Subtext ist deutlich: Es ist doch alles in Ordnung. Bitte nichts anfassen, nur bitte genau so weiter finanzieren.

Um dem wohlfeilen Konter gleich das Nötige zu entgegnen: Wer in seinem Alltag ein derart gut ausgebautes und finanziertes Gesundheitsnetz unter sich weiß, kann auch in Pandemien leicht cool bleiben. Natürlich. Wir würden dem Virus aber in die besagte Falle gehen, würden wir daraus folgern, es sei schon alles in Ordnung. Als müssten wir nur die Krankenpflege ein wenig besser vergüten und schon stünde er da, der Prototyp eines zukunftsfähigen Gesundheitswesens. Tut er nicht.

Die echte Digitalisierung der Gesundheitswirtschaft ist weiterhin in vollem Gange. Sie geht weit tiefer als die Bekämpfung eines einzelnen Virus der Corona-Familie. Die Gesundheit ist reif für die Disruption. Dies wird in den kommenden Wochen ein Ort sein, nicht über Corona nachzudenken. Gesundheit ist größer.

Willkommen Zukunft!

Es gibt eine Vielzahl von Menschen, die befürchten, dass Roboter ihre Arbeit  übernehmen werden. Sie haben unter anderem Angst davor, dass künstliche Intelligenz die Welt in ein paar Jahren kontrollieren könnte. In ihren Alpträumen laufen ‚Virtual Reality‘ Süchtige in nichtexistenten Traumwelten herum und gehen dort verloren. Gentests, so wird befürchtet, werden unseren Todestag vorhersagen können.

Leider werden wir regelmäßig mit viel Halbwahrheiten und ungenauen sowie übertriebenen Neuigkeiten konfrontiert. Diese können unsere Wahrnehmung einer möglichen Zukunft so sehr beeinflussen, dass sich daraus ein regelrechter Zukunftspessimismus entwickelt.

Mit den vielen unterschiedlichen Blogs von  2bAHEAD wollen wir unseren Beitrag leisten, einen Teil der Angst vor Zukunft zu nehmen. Denn nur, wenn wir die Chancen begreifen, die  die verschiedenen Technologien uns bieten, werden wir unsere Zukunft aktiv gestalten und damit ein positives Zukunftsbild für uns alle erstellen können.