Das DVG bringt Pillenknick in Digitalmedizin

Das DVG kommt: Das „Digitale Versorgung-Gesetz“, vom Bundesgesundheitsministerium am 10. Juli vorgestellt. Ein Thema darin: Die App auf Krankenschein. Ist das DVG ein Schritt in Richtung einer zukunftsorientierten Gesundheit? Dazu ein Interview mit Sebastian Vorberg, Fachanwalt für Medizinrecht in Hamburg und Vorstandssprecher des Bundesverband Internetmedizin e.V. (BiM). 

Herr Vorberg, ist das DVG ein Schritt nach vorne?

Ich glaube schon. Das DVG ist ein erster Schritt, ein absolut notwendiger erster Schritt, um digitalen Anwendungen in der Medizin zu einer breiten Akzeptanz zu verhelfen. Das DVG stellt klar, dass der Patient hier einen Anspruch hat. Das ist zwar nicht mehr als eine Selbstverständlichkeit, wird aber hier endlich klargestellt. Insofern ist das DVG richtig, aber nur das Vorspiel zu dem, was jetzt kommen muss. Wir haben gewissermaßen den Nullpunkt erreicht.

Gleichzeitig verlangt das DVG neue Prüfschritte für digitale Angebote. Entstehen hier neue Hürden?

Wir brauchen Qualität und Evidenz in der Medizin, keine Frage, auch im Feld der digitalen Medizin. Wir werden mit dem DVG so etwas wie einen Pillenknick in der Digitalmedizin erleben. Bislang hatten wir eine Zeit der wilden Guerilla-Apps. Da konnten Anbieter mit Unterstützung von Krankenkassen auf Individualbasis in den Markt kommen. Diese Zeit ist jetzt um und das wird zu einem Ausschluss von Angeboten führen. Solange wir keine Regeln zu Evidenz und Qualitätsanforderungen hatten, war es leicht, für 50.000 € eine App zu programmieren. Jetzt entsteht ein regulatorischer Rahmen. Damit verbessern sich die Geschäftsmodelle, denn wir haben klare Wege, wie Anbieter zu ihrem Geld kommen. Im Gegenzug muss ich allerdings an die Entwicklungskosten eine Null anhängen. Das ist für viele Akteure auf dem Markt ungewohnt. Ich sehe durchaus die Gefahr, dass viele das nicht schnell genug sehen.

Stärkt das DVG auf diese Weise die Position der Großen im Gesundheitsmarkt zu Lasten der kleineren Anbieter?

Das hängt stark von der Umsetzung ab. Es muss auch nicht zu einem Innovationsstopp führen. Das Problem sehe ich an anderer Stelle. Wir haben gute Anwendungen im Markt, aber der Nährboden fehlt. Wir brauchen die umfassende Vernetzung im Gesundheitswesen – und da fehlt es. Wenn der Patient sich den Markt und die Anbieter wirklich aussuchen könnte, dann würden wir endlich weiterkommen. Dass die elektronische Patientenakte aus dem DVG herausgenommen wurde, das ist das eigentlich Traurige. So haben wir das DVG – und keiner geht hin.

Lässt die Innovation im Gesundheitssektor überhaupt in klassischer Weise zertifizieren – und damit regulieren?

Wir haben aus gutem Grund begonnen, medizinische Angebote zu regulieren. Früher hatten wir alle möglichen Quacksalber, dann haben wir die Approbation eingeführt, um Scharlatanerie zu vermeiden. Das gilt auch jetzt mit DVG. Aber wir dürfen den Wein der Digitalisierung nicht in die alten Schläuche der Gesundheitswirtschaft kippen. Jeder Strafzettel muss verhältnismäßig sein. Auch bei digitalen Gesundheitsangeboten brauchen wir eine Effektivitätsmaxime.

Sebastian Vorberg ist Fachanwalt für Medizinrecht in Hamburg und Vorstandssprecher des Bundesverband Internetmedizin e.V. (BiM). Seine Kanzlei VORBERG.LAW sitzt in Hamburg und Berlin.

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