Mysterium Arztbrief

Die Meldung ist zwei Wochen alt, sie hat das Zeug zum Skandal und verhallt doch ungehört: Ein großer Teil von Hausärzten verbringt täglich bis zu eine Stunde mit der Lektüre von Arztbriefen, besonders aus Kliniken. Und sie verstehen sie nicht. Eine Studie der Universität Düsseldorf belegt dies sehr anschaulich. Die Ärztezeitung hat darüber berichtet. Es soll niemand sagen können, er habe es nicht gewusst. Und doch: Nichts.

Unverständliche Abkürzungen, überflüssige Informationen, keine Struktur, echte Lücken. Der Arztbrief in seiner heutigen Form ist ganz offensichtlich kein geeignetes Instrument für die Arzt-zu-Arzt-Kommunikation. Dabei bestehen klare gesetzliche Verpflichtungen zu einem verlässlichen Entlassmanagement. Autor und Leser des Briefes haben auch beide studiert, sogar dasselbe Fach. Dennoch ist die Qualität der Kommunikation so miserabel, dass der Arztbrief mehr ist als eine Fehlerquelle: Er ist offensichtlich eine Fehlergarantie.

Und doch treffe ich immer wieder Akteure des Gesundheitswesens, für die der Scan eines handschriftlichen Arztbriefes bereits ein Schritt in Richtung Digitalisierung ist. Zuletzt auf einer hochrangig besetzten Konferenz in Berlin im April 2019. Spoiler Alarm: Ist es nicht. Die Studie der Universität Düsseldorf belegt deutlich, wie tief die Früchte der Digitalisierung des Gesundheitssystems eigentlich hängen. 12.000 Symptome sind klassifiziert. Sie gilt es aufzunehmen, zu dokumentieren und daraus auf eine oder mehrere von 10.000 beschriebenen Krankheiten zu schließen.

Was für das menschliche Hirn eine laufende Überforderung ist, mutiert in der digitalen Kommunikation zur Fingerübung. Jeder Informatik-Student im ersten Semester programmiert zum Aufwärmen eine Kommunikationslogik, die diese Informationen zuverlässig aufbereitet und transportiert.

Haben wir eigentlich jemals geglaubt, ein Brief sei das geeignete Medium, um komplexe medizinische Daten zu teilen? Von der legitimen Anforderung von Patienten, die eigenen medizinischen Daten und deren klinische Interpretation zuallererst selbst zu erhalten – und das in einer verständlichen Form – sprechen wir ja noch gar nicht. Wer ernsthaft ein Interesse an einer zunehmend digitalisierten Medizin zum Wohle des Menschen hat, fängt morgen an.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.