Drei Fragen – drei Antworten: Dr. Stefan Knupfer, Vorstand der AOK Plus

Das 2b AHEAD-Expertennetzwerk im Dialog. In regelmäßiger Folge formulieren Gesundheitsexperten relevante Fragen zur Zukunft der Gesundheit. Andere Experten aus unserem Netzwerk nehmen dazu Stellung – und stellen wiederum neue Fragen, die an neue Experten gehen. So wächst ein inspirierender Dialog, den wir immer weiter fortschreiben werden.

Heute im Fokus: Dr. Stefan Knupfer von AOK Plus

Dr. Stefan Knupfer, AOK PlusDie Expertenfragen gehen heute an Dr. Stefan Knupfer, stellvertrender Vorsitzender des Vorstandes bei der AOK Plus für Sachsen und Thüringen mit Sitz in Dresden. 2006 wurde Herr Dr. Knupfer zum Bevollmächtigten des Vorstandes ernannt. Mit der Fusion zur AOK PLUS übernahm er die Aufgabe des Geschäftsführers des Unternehmensbereiches Markt. Seit 2011 arbeitete er als Geschäftsführer der Unternehmenseinheit Finanzen/Controlling und Bevollmächtigter des Vorstandes.

Die Zukunft des Solidaritätsprinzips in einer alternden Gesellschaft

Peter Ohnemus, DacadooPeter Ohnemus, Gründer und CEO von Dacadoo: Wie soll das Solidaritätsprinzip in einer Welt finanziert werden können, in der wir durchschnittlich über 85 Jahre alt werden und bald 30% der deutschen Bevölkerung 65+ sein wird?

 

Dr. Stefan Knupfer, AOK PlusDr. Stefan Knupfer, stellvertrender Vorsitzender der AOK Plus: Die dem Solidarprinzip bis heute zugrundeliegende Logik basiert auf der Annahme, dass eine alternde Gesellschaft zugleich eine kränkere Gesellschaft sein muss. Ich glaube dieser Ansatz ist obsolet.

Ist es nicht inzwischen vielmehr so, dass ältere Menschen länger gesund bleiben und gesünder altern? Ist es nicht auch so, dass alternden Menschen heute bessere und auch kostengünstigere Therapien zu Verfügung stehen, als noch vor einigen Jahren?

Die Hauptlast der Gesundheitsausgaben im Leben eines Menschen fällt in den letzten drei Lebensjahren an und ist bei chronisch kranken Menschen signifikant höher als bei nicht chronisch Kranken. Ist es an dieser Stelle also nicht viel sinnvoller, den Fokus auf die Prävention chronischer Erkrankungen zu legen? Ich denke, die digitale Transformation bietet hierbei zahlreiche Chancen, deren Potenzial im Moment bei Weitem noch nicht hinreichend genutzt wird.

Fakt ist, dass sowohl der medizinische Fortschritt aber im Besonderen auch die Digitalisierung mit großen Schritten voranschreiten. Damit einhergehend offenbaren sich zahlreiche bisher noch nicht oder nur unzureichend genutzte Möglichkeiten, die Gesundheitsversorgung anders aber auch effizienter zu gestalten und dabei das Wohl des Einzelnen in einer alternden Gesellschaft nicht aus dem Blick zu verlieren.

Darüber hinaus basiert das gesellschaftliche und wirtschaftliche System in Deutschland derzeit im Wesentlichen auf Privateigentum wobei ein Umverteilungsprinzip bzw. der Ansatz einer Sharing Economy bisher nur wenig zum Tragen kommen. Infolge des demographischen Wandels und zunehmender Individualisierungstendenzen gerät das Solidarprinzip von Gesetzlichen Krankenversicherungen in Schieflage. Dies wird zukünftig den politischen Weg für eine Bürgerversicherung zur Grundversorgung oder eine neuartige Finanzierung des Solidaritätsprinzips durch Steuersubventionierung z. B. aus einer Finanztransaktionssteuer ebnen.

Zukünftig wird Verteilungsgerechtigkeit eine größere Rolle spielen müssen. Gesundheit wird zu einem öffentlichen Gut. Besondere Herausforderungen liegen in der gerechten Verteilung der Gesundheitsressourcen und im gerechten Zugang zur Gesundheitsprävention und -versorgung für alle Menschen, unabhängig von Herkunft und Einkommen. Rationalisierung durch Digitalisierung allein wird nicht ausreichen, um den Kostendruck durch medizinischen Fortschritt und demographischen Wandel zu kompensieren.

Damit wird die Frage nach einer alternativen Systemlogik unumgänglich. In einer auf Verteilungsgerechtigkeit fußenden Sharing Economy hat jeder Mensch die gleichen Zugänge zu medizinisch-technischen Innovationen. Ebenso machen Trends wie beispielsweise der zunehmende „Medizintourismus“ i. S. einer länderübergreifenden Inanspruchnahme medizinischer Leistungen aber auch die zunehmende Bereitschaft zum Teilen von Daten ein grundsätzliches Umdenken erforderlich. Big Data kann aus meiner Sicht eine neue „Währung“ sein und die obsoleten Kausalitätsargumentationen ablösen. So drückt in Zeiten digitaler Transformation ein um die Datenteilungsdimension erweiterter Solidargedanke auch zukünftig den Willen der Menschen aus, füreinander einzustehen.

Experimentelle Medizin für todkranke Patienten

Liz Parrish, BiovivaLiz Parrish, Gründerin und CEO von Bioviva: Glauben Sie, dass todkranke Patienten Zugang zu experimenteller Medizin haben sollten?

 

 

Dr. Stefan Knupfer, AOK PlusDr. Stefan Knupfer, stellvertrender Vorsitzender der AOK Plus: Die experimentelle Medizin stellt in meinen Augen die Basis aller therapeutischen Interventionen dar, denn sie legt mit Proof-of-Principle-Experimenten die Grundlage für weiterführende klinische Studien.

Experimentelle Medizin ermöglicht es, menschliche Krankheiten, also beispielsweise deren Ursprung, deren Pathogenese sowie deren Auswirkungen für den Organismus überhaupt zu verstehen und aus diesem Verständnis heraus neue wirksame Therapien verschiedenster Natur zu entwickeln. Experimentelle Medizin bedeutet in der Regel Grundlagenforschung – natürlich mit dem Ziel, praktisches therapeutisches Handeln am Krankenbett zu verbessern.

Bis die Erkenntnisse experimenteller Medizin jedoch tatsächlich am Krankenbett zur Verfügung stehen, vergeht oftmals viel Zeit – Zeit, die ein sterbenskranker Mensch unter Umständen nicht mehr hat. Ein solch sterbenskranker Mensch, der in voller Kenntnis und in vollem Bewusstsein seiner Situation ist, und sich aus freien Stücken dafür entscheidet, sollte aus meiner Sicht Zugang zu experimenteller Medizin – also zu medizinischen Interventionen, welche noch nicht vollumfänglich evidenzbasiert für die Gesundheitsversorgung zugelassen sind – haben.

Der entscheidende Punkt ist jedoch, dass sterbenskranke Menschen oftmals nicht mehr fähig sind, eine solche Entscheidung vollen Bewusstseins und voller Willenskraft selbst zu treffen. Hier sehe ich eine ethische grundlegende Frage unserer Gesellschaft, die dringend eines offenen Diskurses bedarf: Wie gehen wir mit den fortschreitenden medizinischen Möglichkeiten um, über die wir inzwischen verfügen, um sterbenskranke Menschen künstlich am Leben zu erhalten? Dürfen Personen des Vertrauens für sterbenskranke Angehörige sprechen, also in deren (mutmaßlichem) Willen handeln, wenn es darum geht, experimentelle Medizin als ultima ratio zu wählen oder gar, um den todkranken Menschen für weiterführende Grundlagenforschung verfügbar zu machen?

Hierzu gibt es bisher keinen gesellschaftlichen Konsens, keinen von allen Menschen getragenen „modus operandi“. Insofern verbietet sich derzeit also eine generalistische Antwort auf die wohl stets individuell zu beantwortende Frage des Zugangs zu experimenteller Medizin für sterbenskranke Menschen.

Der Arzt als „gesundheitlicher Seelsorger“

Frieder Hänisch, Limbach GruppeFrieder Hänisch, Business Development, Limbach Gruppe: Ist die wesentliche Rolle des Arztes in Zukunft weiterhin der „gesundheitliche Seelsorger“, welcher die Therapieentscheidung herbeiführt und gegenüber technischen Diensten (beispielsweise ADA-App) einen Kompetenzvorsprung hat, oder wird er lediglich als juristische Person für Haftungsfragen im Gesundheitswesen benötigt?

Dr. Stefan Knupfer, AOK PlusDr. Stefan Knupfer, stellvertrender Vorsitzender der AOK Plus: Als Einstieg eine Gegenfrage: Ist der Arzt heute wirklich ein „gesundheitlicher Seelsorger“? Ist er nicht vielmehr ein recht rationaler „Erfasser des Gesundheitszustands“ und ein Therapeut von oftmals nur Symptomen, nicht jedoch von systemischen und dazu noch dynamischen Zuständen – denn schließlich sind Krankheit und Gesundheit keine statischen Entitäten?

Die sogenannte „sprechende Medizin“, die hohe Anforderung an soziale Kompetenzen des Mediziners stellt, ist in den vergangenen Jahrzehnten tatsächlich immer mehr in den Hintergrund der ärztlichen Tätigkeit getreten. Ich glaube jedoch, dass sich dieser Trend wieder in Richtung einer Rückbesinnung auf die – nennen wir sie doch – „seelsorgerischen“ Kompetenzen entwickeln wird. Soziale Kompetenzen, ein hohes Maß an Empathie und die Fähigkeit, andere Menschen zu beraten, vielleicht sogar zu coachen werden die Rolle des Arztes in Zukunft maßgeblich ausmachen.

Gleichermaßen wird von Ärzten in Zukunft ein viel größeres Verständnis im Umgang mit digitalen Anwendungen verlangt werden, denn diese werden die Arbeit von Ärzten am Patienten zukünftig in viel höherem Maße unterstützen. Die Rolle des Arztes wird sich zwischen dem Arzt als „Life Scientist“ und dem Arzt als „Mental Scientist“ bewegen. Die Informationsasymmetrie zwischen Arzt und Patient nimmt immer mehr ab, was bedeutet, das mündige und gut informierte Patienten in Zukunft für ihre jeweilige Gesundheitssituation die bestmöglichen Angebote von einem Arzt erwarten.

Die Rolle des Arztes wird sein, gemeinsam mit seinem Patienten und mit digitaler Unterstützung jeweils die beste Form der Prävention, Diagnostik oder auch der Therapie zu finden.

Drei Fragen – drei Antworten: Frieder Hänisch, Limbach Gruppe

Das 2b AHEAD-Expertennetzwerk im Dialog. In regelmäßiger Folge formulieren Gesundheitsexperten relevante Fragen zur Zukunft der Gesundheit. Andere Experten aus unserem Netzwerk nehmen dazu Stellung – und stellen wiederum neue Fragen, die an neue Experten gehen. So wächst ein inspirierender Dialog, den wir immer weiter fortschreiben werden.

Heute im Fokus: Frieder Hänisch von der Limbach Gruppe

Die Expertenfragen gehen heute an Frieder Hänisch, Projektmanager Business Development bei der Limbach Gruppe mit Sitz in Heidelberg.  Die Limbach Gruppe ist als Zusammenschluss unabhängiger Labore entstanden und bildet die größte inhabergeführte Laborgruppe Deutschlands.

Asymmetrie des Wissens

Peter Ohnemus, DacadooPeter Ohnemus, Gründer und CEO von Dacadoo: DNA Testing wird immer leistungsstärker und günstiger. Wie wollen wir diese Asymmetrie zwischen dem Kunden und der Krankenkassen in Zukunft regeln? Der Kunde kann alles über sein Krankheitsbild wissen und die Krankenkassen müssen einfach «blind» zahlen?

Frieder Hänisch, Limbach GruppeFrieder Hänisch, Business Development, Limbach Gruppe: Es gibt zwei Szenarien, bei der eine Genomsequenzierung für den einzelnen erfahrbar zum Einsatz kommt: Die diagnostische Sequenzierung aufgrund eines Erkrankungsfalles oder die Sequenzierung im Auftrag eines Kunden für Selbstzahler.

Im Falle einer Erkrankung ist die Genomsequenzierung bei einer Auswahl von Krankheitsbildern zur Therapieentscheidung indiziert. Bei der sogenannten Companion Diagnostic wird auf Basis des individuellen Genoms das wirksamste Medikament ausgewählt. Prominente Beispiele sind onkologische Erkrankungen wie Brustkrebs. Hier hat die Medizin gelernt, dass die ursprünglich entwickelten Medikamente bei einem Teil der Patienten unwirksam sind, da der Wirkmechanismus des Medikamentes die Zell-Rezeptoren nicht interagieren kann. Im Jahr 2017 gab es allerdings nur 14 Krankheitsentitäten, bei der ein solches Verfahren sinnvoll eingesetzt werden kann.

In diesem Szenario besteht aus meiner Sicht keine Asymmetrie. Sowohl Patient als auch die Krankenkasse haben in hohem Maß ein Interesse an der schnellen, zielführenden und damit auch kostengünstigsten Therapie.

Im Falle eines gesunden Betragszahlers ist die Kenntnis über die Genom-Information von beiden Seiten zu betrachten: A) der Krankenkasse liegt die Information vor, dem Beitragszahler aber nicht, und im entgegengesetzten Fall B) liegt die Genominforamtion dem Beitragszahler vor, der Krankenkasse aber nicht.

A) Die Krankenkasse entspricht im Geschäftsmodell einer Versicherung. Sie hat dadurch immer ein Interesse, individuelle Erkrankungsrisiken und deren Eintrittswahrscheinlichkeiten zu kennen, um das Geschäftsmodell über die Beitragssätze zu steuern. Im Extremfall bedeutet das die Beitragsermessung auf Basis des einzelnen Genoms. Sofern es die Gesellschaft über ethische Normen und Gesetzgebung nicht blockiert, ist das beschriebene Vorgehen zukünftig wahrscheinlich.

Einschränkend sollte erwähnt werden, dass das Genom nur Aussagen über die Eintrittswahrscheinlichkeit für eine Auswahl von Erkrankungen zulässt. Aus meiner Sicht ist die Kenntnis über den Internet-Browserverlauf eines Krankenkassenmitgliedes um ein vielfaches aussagekräftiger für die Bildung von Risikomodellen als die genetische Information.

B) Die aktuellen kommerziellen Angebote zur Genomsequenzierung wie „23andMe“ (Genomsequenzierungsservice für 99 USD, Stand November 2018) oder MyHeritage stellen sich eher als Lifestyle-Produkt für Enthusiasten und Ahnenforscher dar. Im Kern steht noch eine andere Frage im Vordergrund: Kommt ein psychologischer Faktor zum Tragen, wenn die private Genomanalyse eine Erkrankungswahrscheinlichkeit für schwere Erkrankungen liefert, welche erst in der mittleren Lebensphase auftreten kann? Chorea Huntington beispielsweise bricht erst um das 40. Lebensjahr aus. Durch Kenntnis einer Prädisposition steigt die psychologische Belastung möglicherweise enorm an. Das Recht des Wissens steht dem Recht auf ein bewusstes Nichtwissen gegenüber.

Ich würde nicht von einem „Blind zahlen“ der Krankenkassen sprechen. Eine Zahlung erfolgt im Erkrankungsfall, nicht im Falle der Wahrscheinlichkeit einer künftigen Erkrankung. Weiterhin fallen im Durchschnitt 80% der individuellen Gesundheitskosten durch die intensiv-medizinische Versorgung ganz am Lebensende an (etwa letzte zwei Jahre des Lebens). Aus dieser Tatsache heraus halte ich den Informationsvorsprung eines einzelnen durch Kenntnis seiner Erbinformation für vernachlässigbar für das Gesundheitssystem.

Personalisierung vs. Datenschutz

Arkadiusz Miernik, Universität FreiburgArkadius Miernik, Professor an der Universität Freiburg: Wie wird die weitere Entwicklung von datenbasierten, personalisierten Behandlungsansätzen möglich, wenn die Auflagen auf den Datenschutz immer strenger werden?

 

Frieder Hänisch, Limbach GruppeFrieder Hänisch, Business Development, Limbach Gruppe: Vielen Dank für diese sehr aktuelle und wichtige Frage. Es ist gleichzeitig eine vielschichtige Frage.

Schon heute, noch ohne personalisierte Behandlungsansätze, steht die Pharma-Forschung vor der großen Herausforderung, das ideale Patientenkollektiv zu identifizieren und in die späteren Phasen der klinischen Studien einzuschließen. Da die statistische Effektstärke des neuen Behandlungsansatzes jene der bisher eingesetzten Behandlung übertreffen muss, wird die Wahl des Studienkollektives per se immer schwieriger. Die fundamentale Hürde liegt also beim Studiendesign und erst viel später beim Datenschutz.

Der Datenschutz wird relevant, wenn möglichst große Daten-Pools über einen längeren Zeitraum erstellt und dann ausgewertet werden sollen. Also alle Studien, welche einen Big-Data-Ansatz nutzen. Von der wissenschaftlichen Seite bin ich da beim Nutzen etwas skeptisch. Mehr Daten bedeutet nicht zwangsläufig bessere Daten. Für mich steht hier eher die Frage nach dem minimalen Datensatz im Vordergrund, der zur Beantwortung der Fragestellung erforderlich sein muss.

Als Lösungsansatz sehe ich perspektivisch den Einsatz von neuen Technologien wie der Blockchain-Technologie. Sie bietet die Möglichkeit einer validierten und lückenlosen Dokumentation der genutzten Daten (smart contracts). Diese Technologie ermöglicht es beispielsweise, persönliche Daten von Studienteilnehmern mit einem Token zu verknüpfen. Jede Nutzung der Daten im Sinne einer Analyse sollte hierbei eine nachverfolgbare Transaktion generieren. Dem Datenbesitzer gibt es somit die Möglichkeit, die Nutzung seiner Daten zu steuern und die Entscheidungshoheit ähnlich wie beim Urheberrecht zu behalten. Etwas weitergedacht können hierbei auch neue Zahlungsmodelle für die Nutzung persönlicher Gesundheitsdaten entstehen. Der Studienteilnehmer hinterlegt die Daten anonymisiert und bei einer Nutzungsanfrage seitens einer Studie kann er die Transaktion freigeben, gegebenenfalls sogar gegen eine Nutzungsgebühr.

Leider existiert meines Wissens nach heute noch keine Implementierung dieser Technologie, sodass sich dieses Gedankenexperiment erst noch in der Realität beweisen muss.

Zusammenspiel des Körperlichen und Mentalen

Florina Speth, 2b AHEADFlorina Speth, Senior Researcher, 2b AHEAD ThinkTank: Das Zusammenspiel unseres mentalen und unseres körperlichen Zustandes wird in der westlichen Medizinwelt oftmals noch ausgeblendet. Wie wird sich dies in Zukunft entwickeln?

 

Frieder Hänisch, Limbach GruppeFrieder Hänisch, Business Development, Limbach Gruppe: Entgegen der körperlichen Erkrankungen, welche sehr gut molekular beschrieben und verstanden sind, sind die Geisteskrankheiten vorwiegend phänotypisch charakterisiert. Ähnliche Symptome werden als ähnliche Erkrankung interpretiert. Da im Bereich der Geisteskrankheiten Symptomausprägung und Intervalle der Krankheitsphasen sehr breit gefächert sind, führt diese Grundannahme möglicherweise zu einer irreführenden Klassifikation von Krankheitsbildern. Besser wäre eine Klassifikation nach dem molekularen Profil. Als Analogie seien hier die Neu-Klassifizierung von Bakterien genannt, die auf Erkenntnissen der Genomanalyse beruhen.

Weiterhin ist die Diagnose von Geisteskrankheiten im Wesentlichen abhängig von standardisierten Fragebögen, bei denen die Eigenwahrnehmung der Patienten zur Diagnose beiträgt und zum anderen auf der subjektiven Erfahrung des Psychologen beruht. Biomarker zur Diagnose sind zwar in der Forschung, eine Marktakzeptanz konnten sie bisher nicht erlangen.

Die Weiterentwicklung dieses Wissenschaftsfeldes ist aber klar erkennbar und so nimmt das  Standard-Werk zur Klassifikation von Geisteskrankheiten „Diagnostischer und statistischer Leitfaden psychischer Störungen“ (DSM-V) zunehmend Bezug auf das molekulare Grundgeschehen.

Neurodegenerative Erkrankungen – wie beispielsweise die Alzheimer-Demenz – sind Erkrankungen des Alters. Weltweit ist die Lebenserwartung zwischen 1960 und 2010 von 50 Jahren auf über 65 Jahre gestiegen. Diese Zunahme um 15 Jahre hat diese Krankheitsbilder demaskiert. Sie waren schon immer da, aber ihr Symptombild war kaum relevant, da andere Erkrankungen schon vorher zum Tod geführt haben.

Diese schulmedizinischen Beispiele zeigen ein sich entwickelndes Verständnis für die mentalen Beeinträchtigungen auch in der westlichen Welt. Bezugnehmend auf Ihre Eingangsfrage kann ich keine guten Gründe nennen, die in der westlichen Medizinlehre für diese starke körperliche Fokussierung sprechen. In Asien liegt diese Verbindung von Körper und Seele meiner Einschätzung nach auch im der religiös gefärbten Weltanschauung begründet. In Japan wird jedem Objekt eine Seele zugesprochen, das ist ein völlig anderes Grundverständnis als unsere westliche Unterteilung in organische/ belebte und anorganische Substanzen.

 

Der demografische Wandel: Eine gute Nachricht

Der demografische Wandel und Healthcare: Das Kerngeschäft der Krankenversicherung der Zukunft wird es nicht mehr nur sein, Kranke zu heilen. Krankenversicherungen werden Gesunde unterstützen – von der Prävention von Krankheiten bis zur Steigerung von Wohlbefinden und Lebenserwartung. Dies ist das Ergebnis einer aktuellen Trendstudie des 2b AHEAD ThinkTanks. Der demografische Wandel wirkt sich hier direkt aus.

Der demografische Wandel verändert Krankenversicherungen

Die Gesundheitsbranche wird bis zum Jahr 2030 einen beispiellosen Wandel erleben. Mit der Digitalisierung wachsen die Möglichkeiten medizinischer Forschung, Diagnostik, Therapie, Rehabilitation und Prävention mit exponentieller Geschwindigkeit. Diese Effekte zeigen sich nirgends so deutlich wie bei den am stärksten wachsenden Gruppen unserer Gesellschaft:

  • Den Alten, die sich auch im Ruhestand noch nicht alt fühlen,
  • den noch Älteren, die vielfach immer noch ein aktives und tätiges Leben werden führen können, und
  • den sehr Alten, heute noch selten, bald schon eine Alltäglichkeit.
Die gute Nachricht

Die Mehrheit der heutigen Prognosen und Zukunftsstudien thematisieren den demografischen Wandel als Problem und Bedrohung. Natürlich wird er uns vor gesellschaftliche und wirtschaftliche Herausforderungen bislang unbekannten Ausmaßes stellen. Aber sowohl für den Einzelnen wie auch für unser Gemeinwesen markiert der demografische Wandel den größten vorstellbaren Fortschritt: Die erhebliche Verlängerung des eigenen Lebens in Aktivität und Selbstbestimmung. Der demografische Wandel mag eine teure Nachricht, er ist vor allem: eine gute Nachricht.

Menschen, die in diesem Jahrzehnt geboren werden, erreichen realistisch ein Alter von über 100 Jahren. Es ist das Zusammenspiel vier einflussreicher Treiber, welches den Traum vom längeren Leben in greifbare Nähe rückt. Erste Bedingung ist die frei verfügbare Genanalyse. Die zweite Entwicklung betrifft die Züchtung individueller Kopien innerer Organe, die gegebenenfalls gegenüber der Vorgängerversion optimiert sind. Dritte Voraussetzung ist ein umfassendes Verständnis der Alterungsprozesse von Menschen. Das vierte Element ist die Synchronisierung der menschlichen Psyche mit der virtuellen Welt. In allen vier Feldern ist ein Durchbruch der Forschung in den kommenden Jahren wahrscheinlich.

Der Vollständigkeit halber: Es existiert eine begründete Gegenposition hierzu, gerade hier im Blog aufgegriffen. Sie wird vertreten unter anderem durch den Medizinethiker Ezekiel J. Emanuel. Er fürchtet die Verlängerung als Phase der Hilflosigkeit und schwindenden Würde.

Die Steigerung des Wohlbefindens

Ein entscheidender Wandel im Umgang mit menschlicher Gesundheit ist das Verschwinden der binären Annahme, ein Patient sei entweder gesund oder krank. Diese kategorische Unterscheidung war ohnehin immer eine Fiktion. Niemand ist nur krank oder nur gesund. Stattdessen lässt sich – die entsprechende Menge von Daten und deren kontinuierliche Erhebung vorausgesetzt – das individuelle Wohlbefinden messen und auf einer Skala verorten. Damit wandelt sich das Ziel medizinischen Handelns. Stand gestern noch Reparatur und Schadensvermeidung im Vordergrund, ist es morgen die schrittweise Verbesserung des eigenen Wohlbefindens. Was kann ich tun, um mich morgen etwas besser zu fühlen – und wer unterstützt mich dabei? Die aufgeklärten Gesundheitskunden der Zukunft wählen sehr bewusst und mit Unterstützung digitaler Assistenzsysteme den kompetentesten Mediziner für ihre Situation, die passende Versicherung und den vertrauenswürdigen Datenmanager aus ihrem individuellen Gesundheitsnetz aus. Gleichzeitig werden sie es nicht mehr akzeptieren, dass das Zusammenspiel mehrerer Leistungserbringer mit erhöhtem Aufwand für sie verbunden ist.

An die Stelle der immer gleichen Bonushefte von Krankenversicherungen und pauschalen und in Summe ungerichteten gesundheitsfördernden Maßnahmen treten damit in naher Zukunft evidenzbasierte, personalisierte Empfehlungen zur gezielten Vorsorge.

Testfall Robotik in der Pflege

Dies lässt sich sehr deutlich am Aufkommen der Robotik in der Pflege zeigen. Robotik wird im Laufe der 20er Jahre zu einer weit akzeptierten Selbstverständlichkeit. Im Bereich der Demenzpflege gilt dies schon lange. Dass ein Roboter ohne weiteres die Geduld aufbringt, dieselbe Frage, dieselbe Geschichte, dieselbe Erregung immer wieder wie beim ersten Mal anzuhören, erleichtert diese Entwicklung zusätzlich.

Die Entwicklung wird aber nicht auf animierte Stofftiere beschränkt bleiben. Das zeigt das Beispiel Medikamentengabe. Wo heute noch Mitarbeiter des Pflegedienstes per Hand tätig werden müssen, ist das Verfahren aufwendig und fehleranfällig. Eine automatisierte Medikamentenausgabe beim Pflegebedürftigen zuhause ist der nächste Schritt: Die individuelle Umsetzung des Medikationsplans durch einen Pillenroboter. Im nächsten Schritt lernen Roboter, den Gesundheitszustand des Menschen zu analysieren. Per Blutprobe, Luftanalyse, Ernährungstracking, später per Beobachtung der Hauttemperatur, der Bewegungsmuster und durch Stimmanalyse. Die Wirkstoffgabe wird in Echtzeit passend berechnet.

In der nächsten Ausbaustufe ist der Medikationsroboter in der Lage, die individuell angemessenen Wirkstoffe direkt vor Einnahme auf einen Trägerstoff zu drucken. Ist das eine Arbeitserleichterung für den Pflegedienst? Mit großer Sicherheit. Hat diese Entwicklung und damit mittelbar der demografische Wandel das Potenzial, das Wohlbefinden des einzelnen Pflegebedürftigen zu verbessern? Mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit. Das sind die einfachen Fragen. Aber auf wessen Wissen stützt sich der Roboter? Sobald er auf vernetztes medizinisches Wissen zugreifen kann, wird seine fachliche Kompetenz stets höher sein als die des einzelnen Arztes. Der Hausarzt wird vorerst noch zur Ausstellung von Rezepten gebraucht, auch eine Existenzberechtigung. Sein Beruf wird sich nachhaltig verändern, eine These, die Markus Bönig von Vitabook hier gerade bestätigt hat. Der Bezug der Medikamente oder Wirkstoffe muss ohnehin nicht in der Apotheke um die Ecke erfolgen. Hier öffnen sich vollständig neue Geschäftsfelder für neue Akteure.

Smart Home

Ein zusätzlicher Treiber dieser Entwicklung ist die derzeit exponentiell wachsende Vernetzung von Gebäuden, beginnend mit Ambient Assistent Living. Das Smart Home des pflegebedürftigen Menschen ist der erste und kompetenteste Pflegeroboter. Damit spätestens sind auf einmal ganz neue Akteure in der Gesundheitswirtschaft tätig: Netzbetreiber, Immobilienverwalter, Bauunternehmer, Hersteller von Elektronik und Sensorik. Auch dies eine mittelbare Folge des demografischen Wandels.

Krankenversicherungen als Gesundheitsförderer der Zukunft müssen sehr viel früher im Ablauf ansetzen, wodurch sie in der Wahrnehmung der Gesundheitskunden eine sehr viel aktivere und positiver besetzte Position einnehmen werden. Das Gießkannen-Prinzip hat ausgedient. In Zukunft reagieren Gesundheitsförderer nicht erst, wenn Gesundheitskunden krank sind, sondern überwachen kontinuierlich den aktuellen Gesundheitszustand und handeln vor dem Eintreten einer absehbaren Erkrankung. Auch dies: Eine gute Nachricht.

Die Healthcare der Zukunft beginnt zwischen Arzt und Patient (Teil 1)

Ein Gespräch mit Markus Bönig, Gründer und CEO von Vitabook, zur fehlenden Innovation im Gesundheitswesen, zur Healthcare der Zukunft und dem schwierigen Verhältnis von Ärzten und Daten (Teil 1/2).

Markus Bönig, CEO von vitabook, gestaltet die Healthcare der Zukunft

Michael Carl: Wer nichts wird, wird Wirt. Auf die Gesundheitsbranche übertragen: Wem nichts einfällt, der entwickelt eine App für Gesundheitsdaten. Trotzdem sehen wir kaum echte Innovation. Was bremst die Entwicklung in der Gesundheit?

Markus Bönig: Die einrichtungsbezogene Denkweise ist meines Erachtens eine zentrale Innovations-Bremse. Nur mit einer prozessorientierten Denkweise, orientiert an der Patienten-Reise lassen sich echte Innovationen formen. Das Gesundheitswesen ist hier die vorletzte Branche, nur noch gefolgt vom Bildungs-Bereich, die hier noch nicht umgeschaltet hat. Hinzu kommt, dass der erwartete Nutzen von Daten in der Medizin von sehr vielen Akteuren maßlos überschätzt wird. Eine elektronische Akte mit Informationen zum Gesundheitszustand des Patienten ist nicht das Endziel, sondern lediglich eine Voraussetzung für Innovation, mehr nicht.

85% der Kosten im Gesundheitssystem entfallen auf Menschen, die krank sind und es auch bleiben werden, die einen gewissen Gesundheitszustand haben und diesen zumindest verbessern wollen. Über Standards zu sprechen scheint mir hier zumindest zwiespältig zu sein.

MB: Das stimmt. Wir haben im Gesundheitssystem einen grundlegenden Konflikt zwischen Leistungserbringern und Patienten. Der Leistungserbringer muss möglichst standardisiert arbeiten, geradezu industriell. Der Patient fordert dagegen ein hochgradig individuelles Behandlungserlebnis. Das ist kaum lösbar. Nur mit einer digitalen Vernetzung von Arzt und Patient kann dieser Graben sinnvoll überwunden werden. Hier – in dieser Kernbeziehung von Arzt und Patient ist das größte Innovationspotential in der Medizin zu finden.

Obwohl die Medizin mittlerweile dank Leitlinien und Standard Operation Procederes hochgradig standardisiert ist, gibt es hier einen großen Bereich, der nahezu nicht erschlossen ist. Welche Informationen fließen zu welcher Zeit zwischen Arzt und Patient. Wir nennen dies Standard Information Procedures. Eine standardisierte Festlegung, was der Patient wann wissen, messen, tun soll und was der Arzt wann erfahren und dokumentieren soll. Dies fehlt bislang vollständig, der Informationsfluss im Gesundheitswesen ist nahezu komplett dem Zufall überlassen. Die Papier- Aufklärungs- und Anamnesebögen sind da schon die Speerspitze der bisherigen Innovation.

Was sind die praktischen Folgen dieser ungesteuerten Information für die Healthcare der Zukunft?

MB: Konkret: Die vom Arzt vorgeschlagenen Therapien verpuffen häufig in ihrer Wirkung, oder bleiben zumindest weit unter ihren Möglichkeiten. Der Grund dafür ist einfach. Patienten erfahren zu wenig über ihre Situation, verstehen häufig nicht, warum diese Therapie sein muss und haben natürlich Schwierigkeiten, ein komplexes Mediaktions-Regime einzuhalten. Das ist an einigen Kennzahlen sehr schön ablesbar. Jedes fünfte Rezept wird schlicht nicht eingelöst. Ärzte verordnen Jahr für Jahr Medikamente im Wert von 40 Milliarden €. Davon landen zehn Milliarden direkt im Müll und niemand erhält eine Rückmeldung. Könnten wir die Adherence nur ein wenig steigern, würde dies die Kosten des Systems deutlich senken.

 

Lesen Sie im zweiten Teil des Gesprächs zur Healthcare der Zukunft mit Dr. Markus Bönig, wie er die Rolle des Arztes in der Zukunft einschätzt und wann er mit grundlegenden Veränderungen im Gesundheitssystem rechnet.

Markus Bönig ist Gründer und CEO von vitabook. vitabook ist die in Deutschland führende Plattform für ein gemeinsames Therapie-Management von Arzt und Patient. Mit DocDraft – dem Therapiekonfigurator des Arztes, lassen sich in dieser Plattform sämtliche Aspekte einer Therapie in Form von Standard Information Procedures (SIP) strukturiert und standardisiert zwischen Arzt und Patient festlegen und austauschen. Die Daten werden stark verschlüsselt und liegen in der Microsoft Cloud Deutschland, hochgesichert in zwei deutschen Telekom-Rechenzentren. Mehr Informationen auf www.vitabook.de

Die Sorge des Krankenversicherers vor einem AirBnB des Gesundheitswesens

„Wenn die Patienten alle Daten an Google geben – um mal den größten Player pars pro toto für andere zu nennen –, wird Google der Airbnb des Gesundheitswesens und die Ärzte und auch wir Krankenkassen abhängige und austauschbare Produktzulieferer. Dann werten die Internet-Konzerne die Gesundheitsdaten aus und kommerzialisieren sie. Das kann nicht im Sinne der Patienten sein. Und mit dem Datenschutz ist es dann auch nicht mehr weit her.“

So Dr. Jens Baas, Vorstandsvorsitzender Techniker Krankenkasse im August 2018 beim Versicherungsgipfel des Hamburger Abendblatts.

Dr. Jens Baas, Vorstandsvorsitzender der Techniker Krankenkasse

Airbnb ist offensichtlich nicht im Interesse der klassischen Tourismusbranche – das will das Unternehmen ja auch gar nicht sein – und der öffentlichen Verwaltungen. Wohl aber ist es ebenso offensichtlich im Interesse der Millionen täglicher Nutzer.

Daher drei schlichte Fragen – pars pro toto an den Vorstandsvorsitzenden der Techniker Krankenkasse:

  • Was, wenn die Menschen selbst wählen möchten, wer ihre Gesundheitsdaten auswertet?
  • Was, wenn zwar Krankenkassen und Ärzte nicht begeistert sind, die Nutzer aber einen Service wie den eines AirBnB des Gesundheitswesens wünschen?
  • Was, wenn die Nutzer sich mit ihren Daten selbst schützen wollen – und es nicht als Aufgabe von Krankenkasse und Arzt betrachten, ihre Daten von außen zu schützen?

Das dahinter liegende Problem ist aus meiner Sicht korrekt benannt. Der 2b AHEAD ThinkTank hat gerade in diesem Jahr eine Studie zur Zukunft der Krankenversicherungen veröffentlicht. Darin ist der Wandel beschrieben, der Wandel der Krankenversicherung zum Gesundheitsoptimierer. Die Studie steht zum kostenlosen Download auf der Webseite des Instituts.