Das gesunde Tempo: Alexa vs. Karte

Zwei Meldungen, auf die @medinfode heute hingewiesen hat: Alexa lernt Diagnostik und das Handelsblatt vermeldet einen Durchbruch bei der elektronischen Patientenakte. In der natürlich zufälligen Gegenüberstellung bilden sie ein Lehrstück über die Bedeutung von Geschwindigkeit: Das gesunde Tempo macht die Healthcare der Zukunft.

Doktor Alexa

Meldung eins: Amazon arbeitet daran, dass Alexa an der Stimme des Menschen eventuelle Krankheiten erkennt. Über ähnliche Ansätze hatte ich schon einmal im Zusammenhang mit Beyond Verbal berichtet. Und Amazon ist hier im Blog ohnehin als einer der prägenden Akteure der Healthcare im Blick.  Bereits 2017 hat Amazon das entsprechende Patent auf den Algorithmus angemeldet. Nun wurde dem stattgegeben.  In Kurzfassung: Dass Alexa laufend zuhört, was in der Umgebung der smarten Lautsprecher geschieht, ist bekannt. Mit diesem Entwicklungsschritt geht Amazon dazu über, die Stimmen der Umgebung auf Krankheiten zu scannen: Husten und Schnupfen, aber offenbar auch Depressionen. Von uns Zukunftsforschern lange vorhergesagt, hier wird es Realität: Die Emotion wird selbstverständlicher Bestandteil von Datenerhebung und Datenanalyse.

Der Nutzen für Amazon liegt auf der Hand. Wer das körperliche Empfinden eines Menschen genauer kennt, vermag ihn an entscheidender Stelle persönlich zu adressieren. Wer Husten hört, kann personalisierte Werbung ausspielen. Und mehr noch: Er kann auch Bestellvorschläge machen und Heilprodukte verkaufen. Ganz nebenbei entsteht hier ein geradezu perfekter Usecase für Modelle mit ultrakurzes Lieferzeiten. DocMorris wirbt derzeit flächendeckend für seine Online-Services mit dem Slogan „Wer ins Bett gehört, sollte nicht zur Apotheke gehen müssen“. Diese Logik ist hier schon wieder überholt: Wer den richtigen smarten Speaker hat, muss nicht einmal mehr seine Online-Apotheke bemühen.

Doktor mit Karte

Die andere Erfolgsmeldung – und ja, es handelt sich um eine Erfolgsmeldung: Die wichtigsten Akteure der Selbstverwaltung im Gesundheitswesen haben sich auf ein Grundsatzpapier geeinigt, das uns bis 2021 eine erste Form der elektronischen Gesundheitskarte im Alltagsbetrieb bescheren soll. Das ist a) mehr als in den vergangenen 15 Jahren zustande gebracht wurde. Das ist aber b) eben nur genau das, was es ist: Ein Papier. Abgestimmt ist, was die KVen abarbeiten sollen und was die Gematik.

Die Eckdaten klingen vielversprechend: Die Hoheit über die Daten bleibt beim Patienten. Dass hierin die Zukunft liegt haben wir bei 2b AHEAD bereits 2015 in einer großen Studie prognostiziert. Einheitliche Standards sollen breite Anwendung sichern. Und zumindest der Bundesgesundheitsminister lässt sich bereits mit der Aussage zitieren, die Karte sei ja schließlich nur ein Zugangsweg von potenziell vielen. Entscheidend sei die Netzwerkstruktur im Hintergrund.  Und die Krankenkassen sekundieren: Ein Abweichen sei jetzt nicht mehr ohne Gesichtsverlust möglich. Andererseits: Wer der Beteiligten hat in den Jahren seit 2004 sein Gesicht eigentlich noch nicht verloren? Gestört hat es noch keinen.

Und hier ist der Zusammenhang: Der eine immer wieder unterschätzte Faktor bei Prognosen zur Künstlichen Intelligenz ist deren Lerntempo. Einmal in der Welt beschleunigt sich das Wachstum der Leistungsfähigkeit immer weiter. Voraussetzung: Im System entstehen hinreichend viele Daten. Dass dies gegeben ist, dürfte bei Alexas Marktdurchdringung nicht ernsthaft zur Debatte stehen. Das gesunde Tempo prägt die Prognose. Die einen programmieren Netzwerkstandards, die anderen lassen Algorithmen größte Datenmengen auswerten. Die einen setzen unter Sanktionsandrohung durch, dass Arztpraxen taugliche Lesegeräte anschaffen, die anderen lassen Algorithmen größte Datenmengen auswerten. Die einen hoffen auf das erste erfolgreich abgeschlossene Projekt der Gematik, die anderen lassen Algorithmen größte Datenmengen auswerten.

Wer gewinnt? Eben.

 

Healthcare der Zukunft (2/2)

Im Sommer 2018 habe ich bei den Roche-Tagen „Diagnostik im Dialog“ die Keynote gehalten. Im Anschluss habe ich ein paar sehr grundlegende Überlegungen zur Healthcare der Zukunft notiert. Sie sind gerade in einer Veröffentlichung von Roche erschienen. Der erste Teil steht hier; dies ist der zweite Teil des leicht gekürzten Texts.

Vom Patienten zum Gesundheitskunden

Das datenbasierte Wissen um die Befindlichkeiten der Menschen wird auch dafür sorgen, dass die Grenzen zwischen Krankheit und Gesundheit verschwimmen. Dass Menschen nicht entweder zu 100 Prozent gesund oder krank sind, ist kein neuer Gedanke für die Healthcare der Zukunft. Die breite Datengrundlage ermöglicht es aber, nicht nur vorhandene Krankheiten zu entdecken. Der gesunde Mensch weiß in Zukunft auch viel über Risiken potenzieller Erkrankungen. Das wirft wiederum die Frage auf, wo die Grenze zwischen gesund und krank verläuft. Die WHO definiert Gesundheit als einen Zustand körperlichen, emotionalen, mentalen und sozialen Wohlbefindens, der weit über das Fehlen von Krankheit oder Beschwerden hinausgeht. Ein zukunftsweisendes Verständnis.

Heutige Patienten sind auf die Datensammlung, -auswertung und -interpretation ihres behandelnden Arztes angewiesen. In ihrer Wahrnehmung sind sie von ihm abhängig. Patienten der Zukunft verfügen selbst über die größte Menge an Daten zum eigenen Gesundheitsstatus und haben Zugang zu deren Auswertung und Interpretation. Während beim klassischen Patienten der Blick Richtung Krankheit, Symptom und Defizit geht, richtet sich der Blick des zukünftigen Kunden auf die Gesundheit. Patienten werden zu Gesundheitskunden.

Kunden suchen passende Dienstleister

Gesundheitskunden verändern mit ihrer Haltung den Gesundheitsmarkt. Sie wählen sich den passenden Gesundheitsdienstleister zur Optimierung ihres Gesundheitszustandes. Dessen Attraktivität wird vom Mehrwert abhängen, den er liefern kann. Entscheidend für die erfolgreichen Dienstleister der Healthcare der Zukunft wird sein, die Bedürfnisse potentieller Kunden genau zu kennen. Sie werden analysieren, wie jeder einzelne ihrer Gesundheitskunden „tickt“, welche Bedürfnisse und Erwartungen er hat und wie man am besten kommuniziert.

Im Sinne einer „optimierten“ Gesundheit könnten in der Welt von morgen Technologien auch genutzt werden, um Körperfunktionen zu erweitern oder voll zu erhalten: Die Kontaktlinse blendet bei Bedarf notwendige Informationen ein. Neue Organe entstehen im 3D-Drucker aus den Stammzellen des Patienten. Vielleicht wird es auch völlig normal sein, Organersatz beim Arzt zu bestellen, lange bevor das Erstorgan seinen Dienst quittiert.

Healthcare der Zukunft Michael Carl

Mensch – Maschine Organismen

Die persönliche Interaktion verliert in Zukunft ihre heutige zentrale Rolle. Menschen werden zunehmend erfahren, dass eine Maschine sie schlicht besser versteht. Die Kommunikation mit Maschinen wir genau deshalb überlegen sein können, weil sie klaren Strukturen folgt und eine Vielzahl von Daten und Parametern berücksichtigt. Konsequent weitergedacht, könnten Computer zu persönlichen Assistenzsystemen werden, die im Auftrag ihrer Besitzer Anrufe durchführen, Informationen und Angebote einholen und das in einer Frequenz und Ausdauer, die Menschen nicht möglich wären. Darauf müssen sich Dienstleister in der Healthcare der Zukunft einstellen.

Als Ergebnis wird sich die Art und Weise von Arbeit vollständig wandeln. Wo wir heute über Schnittstellen zwischen Mensch und Maschine reden, betrachten wir in Zukunft Mensch-Maschine Organismen. In lernenden Systemen werden sich Algorithmen als Werkzeug des Menschen emanzipieren. Sie werden zu de facto vollwertigen Teammitgliedern und übernehmen sogar Führungsaufgaben.

Neue Art des Denkens

All diese Veränderungen erfordern eine grundlegend neue Art des Denkens und damit auch einen Wandel der Unternehmenskultur. Um den Möglichkeiten und Fortschreiten der Digitalisierung in der Healthcare der Zukunft gerecht zu werden, müssen wir unsere Vorstellungen von Werten, Qualität und Umgang mit Fehlern grundlegend überdenken. Unsere bisherigen Denkweisen erlauben uns nicht, mit dem exponentiellen Veränderungstempo mitzuhalten. Wir dürfen nicht einfach nur abwarten. Wir müssen handeln, auch wenn wir Kompetenzen überschreiten und gute Vorsätze umgehen. In der Welt von morgen gilt die Maxime: Besser hinterher um Entschuldigung, als vorher um Genehmigung bitten.

Die Zukunft von Healthcare (1/2)

Im Sommer habe ich bei den Roche-Tagen „Diagnostik im Dialog eine Keynote gehalten. Anschließend habe ich ein paar sehr grundlegende Überlegungen zur Zukunft von Healthcare notiert. Sie sind gerade in einer Veröffentlichung von Roche erschienen. Dies ist der erste Teil des leicht gekürzten Texts.

 

Das Gefühl, die Welt drehe sich immer schneller, trügt nicht. Das vertraute lineare und kontrollierte Entwicklungstempo gehört zunehmend der Vergangenheit an. Unsere Umwelt wandelt sich exponentiell – tatsächlich könnte man sagen: Unsere Welt wird sich nie wieder so langsam entwickeln wie heute. Getrieben wird diese Entwicklung von der großen Menge verfügbarer Daten – auch in der Zukunft von Healthcare. Dabei ist die heutige Vorstellung von Datenbeschaffenheit und Datenqualität in der Regel zu eng.

Internet of Everything

Technologieexperten bestätigen: Spätestens bis zum Jahr 2020 werden auch Gedanken und Empfindungen Teile von Daten sein. Schon heute können Elektroden Gehirnströme lesen, mittels derer querschnittgelähmte Menschen ihren Rollstuhl lenken. In wenigen Jahren werden nicht mehr Elektroden direkt am Kopf der Patienten befestigt sein, sondern Sensoren aus einem Meter Entfernung unsere Gedanken lesen.

Jeder Gegenstand des alltäglichen Bedarfs wird potenziell an das Internet angeschlossen und vernetzt sein – der Stuhl, auf dem wir sitzen, unser Kühlschrank oder unser Auto. Beim sogenannten Internet of Everything sind folglich nicht nur Computer, Laptops, Tablets und Smartphones miteinander verbunden, sondern auch intelligente Maschinen, die zusätzliche Daten erzeugen. Für Kinder von morgen ist die Formulierung „Ich gehe ins Internet“ unverständlich, würde es doch bedeuten, dass sie zuvor offline waren.

Die Vernetzung großer Datenmengen führt zu hochgradig adaptiven Produkten, die sich den individuellen, wechselnden Bedürfnissen der Menschen anpassen können. Das gilt auch und gerade in der Zukunft von Healthcare: Aufgezeichnete Daten von Smartphone Apps, Sensoren aus Smart Homes und Wearables eröffnen neuartige Möglichkeiten, Gesundheitsleistungen individuell jedem Patienten anzupassen.

Persönliche Gesundheitsnetze

Diese Form der personalisierten Medizin ist also eine datenzentrierte Medizin. Daten über einen Patienten sind bereits heute zahlreich, sie steigen weiter exponentiell an. Wo gestern vielleicht ein Laborwert und ein Röntgenbild Grundlage einer medizinischen Entscheidung waren, wird in Zukunft multiparametrisch ein Gesamtbild zur medizinischen Handlungsempfehlung erstellt. Das wird auch Strukturen und Abläufe im Rahmen des Patientenmanagements verändern. Patientendaten übernehmen die Führungsrolle in der gesamten Behandlungskette. Das datenbasierte Wissen um den Zustand eines Patienten, und daraus abgeleitete potenzielle Diagnosen, Therapien oder Präventionsmaßnahmen treiben auch eine immer höhere Spezialisierung von Professionen in der Zukunft von Healthcare voran.

Um den einzelnen Menschen werden dynamische Gesundheitsnetze entstehen, deren Knotenpunkte sowohl die traditionellen Akteure der Gesundheitsbranche als auch neu hinzutretende Anbieter bilden, wie Unternehmen der Nahrungsmittelindustrie, aus dem Sport- und Fitnessbereich, der Medizintechnik oder des IT Sektors. Das Tempo der Entscheidungsfindung für Präventionsmaßnahmen oder Therapien steigt, genau wie das von Neuentwicklungen für Produkte und Gesundheitsangebote. Darüber hinaus bietet diese Form der personalisierten Medizin die Chance, neue Orte für die Gesundheit zu finden und Gesundheitsthemen flexibel zu platzieren, etwa im eigenen Zuhause, im Auto, im Restaurant oder am Arbeitsplatz.

Zukunft von Healthcare Michael Carl

Datendeutung und Datenhoheit in der Zukunft von Healthcare

Wenn Patienten über immer mehr Informationen verfügen, bedeutet das nicht gleichzeitig mehr Wissen oder Verständnis. Daher werden die Erklärung und Deutung von Daten sowie die Kommunikation z.B. von Risiken immer wichtiger. Patienten brauchen Experten, die ihnen beratend zur Seite stehen. Allerdings wird diese Rolle in Zukunft nicht mehr automatisch dem Hausarzt zufallen. Vielmehr konkurrieren unterschiedliche Player der Gesundheitsbranche um diese meist zeitlich begrenzte Funktion. Das können Ansprechpartner für bestimmte Krankheitsbilder sein – für den Krebspatienten der Onkologe, für die Frau mit Kinderwunsch der Gynäkologe – oder Ansprechpartner, die in einer bestimmten Lebensphase wichtig sind, für einen alten Menschen z.B. eine Pflegeperson. Es wird eine Konkurrenz um die Steuerungsfunktion entstehen. Denn wer diese Rolle innehat, entscheidet maßgeblich über die weiteren Player im Netzwerk und deren Versorgungsaufgaben.

Blockchain als Schlüssel

Alle diese Prognosen treten natürlich nur dann ein, wenn Menschen ihre persönlichen Daten für eine medizinische Analyse freigeben. Datenschutz der Zukunft muss daher heißen, dass der Patient die Hoheit über seine Daten besitzt. Er bestimmt, wie mit ihnen verfahren wird. Er muss sich darauf verlassen können, dass seine Daten jederzeit aktuell verfügbar. Gleichzeitig muss er sie vor dem Zugriff nicht autorisierter Dritter geschützt wissen. In diesem Zusammenhang spielt die Blockchain-Technologie eine entscheidende Rolle. Die bekannteste und älteste Blockchain-Anwendung ist die digitale Währung Bitcoin. In der Blockchain werden Informationen nicht auf einem einzelnen Server gespeichert, sondern jeweils dezentral auf verschiedenen Rechnern in einem Netzwerk. Um Informationen zu verfälschen, reicht es nicht mehr aus, einen einzelnen Server zu hacken, sondern eben jeden einzelnen Computer in der Blockchain. Das macht die Technologie besonders sicher und damit auch geeignet für den Austausch sensibler Gesundheits- oder Krankheitsdaten in der Zukunft von Healthcare.

 

Lesen Sie in Teil zwei des Textes, wie die datenzentrierte Medizin zu einem neuen Bild von Krankheit und Gesundheit führt. Die digitale Kommunikation verändert die Zukunft von Healthcare von Grund auf.

3D-Druck von Organen: State of the Art und Prognose (1)

Der 3D-Druck von Organen erscheint regelmäßig in den Listen mit den wichtigsten Einflussfaktoren für die Healthcare der Zukunft. Zugleich wirkt diese Technologie fast schon wieder alt, so lange sprechen wir schon darüber. Kann das noch Zukunft sein? Nach allem, was wir sehen können: Ohne Abstriche ja. Der 3D-Druck von Organen hat das Potenzial, die Gesundheitsversorgung grundlegend zu verändern. Hier ist greifbar, wie sich das Bild unseres Körpers wandelt. Wo es gestern noch um die Wiederherstellung eines gott- oder naturgegebenen Originalzustands ging, rückt morgen die Verbesserung und Erweiterung der körperlichen Funktionalitäten in den Vordergrund. Wir können mehr. Hier ein kurzer Überblick über die wichtigsten Akteure und deren Roadmap.

Der wahrscheinlich wichtigste Akteur ist Anthony Atala, Chirurg, Urologe und Director of the Wake Forest Institute for Regenerative Medicine in Winston-Salem, North Carolina. Bei meinem jüngsten Besuch im Frühjahr 2018 konnte ich nicht nur eine gedruckte Niere in der Hand halten, Maschinen beim Druck von Blutbahnen, Knochen, Lebern, Herzzellen beobachten. Perspektivisch noch aussichtsreicher ist seine Initiative, die Prozesse zur Herstellung beliebiger Organe zu industrialisieren. Nur die Hälfte seiner insgesamt 500 Mitarbeiter im Labor sind Mediziner. Parallel arbeiten unter anderem Maschinenbauingenieure daran, die Prozesse zuverlässig zu standardisieren, um sie auf diese Weise an vielen Orten anbieten zu können.

Das Prinzip „3D-Druck von Organen“ ist immer gleich und von der Logik her einfach: Wer in der Lage ist, aus Stammzellen eines Menschen Organe zu züchten, kann a) Organe produzieren, wann immer er sie braucht und b) wird vermeiden, dass das Organ vom Körper abgestoßen wird. Risiken sinken und lebenslange Therapien entfallen. Der akute Mangel besonders an Spendernieren wird aufgehoben; der Transport von Transplantaten entfällt ersatzlos. So weit der Konsens.

100% oder mehr?

Unter den Forschern, die diese Technologie entwickeln, gehen die Meinungen bei c) auseinander: Werden wir auch in der Lage sein, die Organe zu verbessern? Wird mein gedrucktes Herz, meine Niere, meine Leber leistungsfähiger sein als die ursprüngliche? Und werden meine Organe zusätzliche Funktionen erhalten, die in der Originalkonfiguration meines Körpers noch nicht vorgesehen waren? Wir sehen, wie sich das Bild unseres Körpers allein angesichts dieser Möglichkeit verändert: Der Funktionsumfang der Organe, die Abstimmung untereinander – alles dies wird zu einer Konfiguration. Der Körper wird zur konfigurierbaren Maschine. Die Geister scheiden sich lediglich daran, ob das Ideal eine möglichst genaue Wiederherstellung der anfänglichen 100% ist – oder eine individuelle und gezielte Abweichung.

Dr. Atala ist der wichtigste Vertreter derer, die auf das 100%-Modell setzen. Zugleich ist er derjenige, der mit seinem Labor einer formellen Zulassung durch die FDA am nächsten ist. Seine Perspektive: Anfang der 20er Jahre werden die ersten Verfahren zum 3D-Druck von Organen zugelassen werden. Zunächst für eher schlichte Strukturen, später dann Schritt für Schritt auch komplexere. Bis Mitte der 40er Jahre wird es in weiten Teilen der Welt normal sein, mit dem Mediziner des Vertrauens mit großer Selbstverständlichkeit über einen Austausch nahezu beliebiger Organe zu sprechen. Er erwartet, die normale Lebenserwartung auf diese Weise auf rund 120 Jahre anheben zu können.

3D-Druck von Organen
Dr. Atala mit einer 3D-gedruckten Niere

Lesen Sie im 2. Teil über die Arbeit des 3D-Druck Pioniers Gabor Forgacs.

Retail goes Healthcare: Best Buy und Great Call

Retail goes Healthcare. Eine kurze Meldung nur, in europäischen Medien kaum aufgenommen: Der US-Elektronikhändler Best Buy hat ein Unternehmen aus der Gesundheitswirtschaft übernommen: Great Call. Für 800 Millionen Dollar. Great Call bietet ein ganzes Paket aus Services rund um Gesundheitsversorgung an, mobil und dezentral, sprich: zuhause.

Kurzer Rückblick: Best Buy, de facto der US-„Media Markt“, stand noch vor wenigen Jahren vor der Insolvenz. Konsequente Kostensenkung, neue Layouts für die Stores und vor allem eine Konzentration auf neue Kundenbedürfnisse haben die Wende ermöglicht. Amazon galt Best Buy vor kurzem noch als der existenzbedrohende Konkurrent. Inzwischen sucht Amazon die Nähe von Best Buy und geht strategische Partnerschaften ein.

Zukunftsbild Retail und Health

Mit dieser Akquisition ermöglicht es Best Buy sich, die Smart Home-Lösungen aus ihrem Programm einen wesentlichen Schritt zu verlängern und selbst als Anbieter von Gesundheitsservices aufzutreten. An der strategischen Bedeutung des Segments gibt es ohnehin keinen Zweifel. Smart Home ist ein enorm wachsendes Segment im Elektronikhandel, auch wenn der praktische Nutzen durchaus noch eingeschränkt ist: Musik, alltägliche Einkäufe, etwas Sicherheit und Überwachung, Licht an und Licht aus. Zugleich wächst der Markt enorm. Die Berichte differieren im Detail, in Summe können wir von Anfang 2017 auf Anfang 2018 von einer Vervierfachung des Marktes ausgehen, bei steigender Dynamik.

Dahinter steht ganz offensichtlich eine konkrete Zukunftserwartung für die Branchen Retail und Healthcare. Sie werden noch sehr viel stärker von Technologie geprägt sein. Überall dort, wo Anbieter stark personalisierte Services anbieten können, werden sie Sinn stiftende und profitable Geschäftsmodelle ermöglichen. Best Buy weist zusätzlich auf das starke Wachstum der potenziellen Kunden hin. Das Unternehmen rechnet für die USA mit +50% Menschen über 65 in den kommenden 20 Jahren. Warum ich den demografischen Wandel für eine enorm chancenreiche Entwicklung halte, habe ich kürzlich dargestellt. Hier findet sich diese Einschätzung erneut belegt.

Retail goes Healthcare- Best Buy CEO Hubert Joly
Retail goes Healthcare- Best Buy CEO Hubert Joly

Der Schritt, den Verkauf von Hardware durch Services zu ergänzen, ist an sich weder neu noch revolutionär. Bei der Dynamik, die das Thema Smart Home im Markt zeigt, liegt es geradezu nahe, hier Services ergänzen zu wollen, die zugleich neue Branchen und Märkte erschließen. Wer einmal im Haus des Kunden ist … Das würden wir von jedem Betreiber digitaler Ökosysteme von iOS bis Android erwarten, von Hardwareproduzenten, ebenso von Branchenspezialisten zur Verteidigung der eigenen Geschäftsmodelle. Hier allerdings wird der Retailer tätig. Ein deutlicher Hinweis darauf, welche Akteure sich branchenübergreifend ganz nüchtern Chancen ausrechnen, Geschäftsmodelle im Bereich Healthcare realisieren zu können. Eben: Retail goes Healthcare.

Healthcare-Tech: Apple vor neuem Entwicklungsschub

Healthcare-Tech im Fokus: Rund um Apple sind die Sensoren für potenzielle Entwicklungen besonders fein justiert. Und auch wenn Apple traditionell sehr sparsam kommuniziert: Eine verlässliche Quelle für Nachrichten und Trends sind die Stellenausschreibungen des Hauses. Das US-amerikanische Medienhaus CNBC weist gerade darauf hin, dass Apple Entwickler sucht, um die Reihe eigener Prozessoren auszubauen. Ein Schwerpunkt liegt auf Healthcare. CNBC zitiert ein Apple-Posting: Die neuen Mitarbeiter sollen „help develop health, wellness, and fitness sensors“.

Ein mögliches Anwendungsfeld ist die Apple Watch Sie verfügt ohnehin bereits über Funktionen, die Herzfrequenz und Aktivitätsdaten zu messen. Einschlägige Blogs aus dem Silicon Valley wie Venturebeat haben die Meldung bereits aufgenommen. Interessant ist, dass Apple offensichtlich dabei ist, die Entwicklung von Healthcare-Tech ins eigene Haus zu holen. Dies wäre ein deutlicher Hinweis auf die Priorität, die dieses Thema für das wertvollste Unternehmen der Welt hat.

Healthcare-Tech-Apple-Fotolia

Die Sorge des Krankenversicherers vor einem AirBnB des Gesundheitswesens

„Wenn die Patienten alle Daten an Google geben – um mal den größten Player pars pro toto für andere zu nennen –, wird Google der Airbnb des Gesundheitswesens und die Ärzte und auch wir Krankenkassen abhängige und austauschbare Produktzulieferer. Dann werten die Internet-Konzerne die Gesundheitsdaten aus und kommerzialisieren sie. Das kann nicht im Sinne der Patienten sein. Und mit dem Datenschutz ist es dann auch nicht mehr weit her.“

So Dr. Jens Baas, Vorstandsvorsitzender Techniker Krankenkasse im August 2018 beim Versicherungsgipfel des Hamburger Abendblatts.

Dr. Jens Baas, Vorstandsvorsitzender der Techniker Krankenkasse

Airbnb ist offensichtlich nicht im Interesse der klassischen Tourismusbranche – das will das Unternehmen ja auch gar nicht sein – und der öffentlichen Verwaltungen. Wohl aber ist es ebenso offensichtlich im Interesse der Millionen täglicher Nutzer.

Daher drei schlichte Fragen – pars pro toto an den Vorstandsvorsitzenden der Techniker Krankenkasse:

  • Was, wenn die Menschen selbst wählen möchten, wer ihre Gesundheitsdaten auswertet?
  • Was, wenn zwar Krankenkassen und Ärzte nicht begeistert sind, die Nutzer aber einen Service wie den eines AirBnB des Gesundheitswesens wünschen?
  • Was, wenn die Nutzer sich mit ihren Daten selbst schützen wollen – und es nicht als Aufgabe von Krankenkasse und Arzt betrachten, ihre Daten von außen zu schützen?

Das dahinter liegende Problem ist aus meiner Sicht korrekt benannt. Der 2b AHEAD ThinkTank hat gerade in diesem Jahr eine Studie zur Zukunft der Krankenversicherungen veröffentlicht. Darin ist der Wandel beschrieben, der Wandel der Krankenversicherung zum Gesundheitsoptimierer. Die Studie steht zum kostenlosen Download auf der Webseite des Instituts.

Innovation im Labor

So nah und doch so fern? Wer sonst sollte seine Stärken in einer datengetriebenen Medizin der Zukunft ausspielen können, wenn nicht das medizinische Labor? Aber wer entwickelt die neue aktive Rolle für das Labor? Abwarten und nur den Auftrag des Arztes abarbeiten wird keine neuen Geschäftsmodelle erschließen. Die Kundenkommunikation wird zum Schlüssel für das erfolgreiche Labor der Zukunft.

 

Michael Carl, Referent bei den Roche-Tagen in Mannheim 2018

offene KI-Ökosysteme – unsere Assistenten der Zukunft

Durch Zusammenführung anonymisierter Gesundheitsdaten und  persönlicher Gesundheitsberatung werden offenen KI-Ökosysteme zu erheblichen Verbesserungen im Gesundheitswesen führen.

Die geheime Zutat hierzu, die noch weitgehend fehlt, ist der Kontext. Noch ignoriert Technologie wichtige Details unserer Arbeit, unseres Körpers und unseres Lebens weitgehend. Ein menschlicher Assistent dagegen weiß, wann wir aufnahmefähig, gestresst, gelangweilt, müde oder hungrig sind und er weiß um unsere Präferenzen.

KI-Systeme gewinnen allerdings immer mehr die Fähigkeit, kontextuelle Hinweise zu erfassen und zu interpretieren. Damit werden sie diese wichtigen Fähigkeiten wie beschrieben erwerben und lernen.

Zana, ein junges Start Up aus Karlsruhe verwendet eine Kombination aus KI und Natural Language Processing. Das Unternehmen bietet Menschen eine digitale, personalisierte, intelligente Assistentin mit medizinischem Fachwissen. Diese kann in einem natürlich-sprachlichen Dialog und in Echtzeit das Informationsbedürfnis der Nutzer verstehen. Damit wird durch intelligente Empfehlungsalgorithmen fokussierte Hilfe für das persönliche Gesundheitsmanagement angeboten.

So wie Diskretion und Loyalität bei menschlichen Assistenten geschätzt werden, werden digitale Versionen nur in dem Maße Erfolg haben, wie wir ihnen unsere Sicherheit und Privatsphäre anvertrauen. Und die digitale Version muss im besten Interesse des Benutzers handeln, sobald sie herausgefunden hat, was das ist. Das sind interessante Herausforderungen für die KI-Community.

Noch ein Beitrag meines Kollegen David Blazek. Danke Dir!