Die Healthcare der Zukunft beginnt zwischen Arzt und Patient (Teil 1)

Ein Gespräch mit Markus Bönig, Gründer und CEO von Vitabook, zur fehlenden Innovation im Gesundheitswesen, zur Healthcare der Zukunft und dem schwierigen Verhältnis von Ärzten und Daten (Teil 1/2).

Markus Bönig, CEO von vitabook, gestaltet die Healthcare der Zukunft

Michael Carl: Wer nichts wird, wird Wirt. Auf die Gesundheitsbranche übertragen: Wem nichts einfällt, der entwickelt eine App für Gesundheitsdaten. Trotzdem sehen wir kaum echte Innovation. Was bremst die Entwicklung in der Gesundheit?

Markus Bönig: Die einrichtungsbezogene Denkweise ist meines Erachtens eine zentrale Innovations-Bremse. Nur mit einer prozessorientierten Denkweise, orientiert an der Patienten-Reise lassen sich echte Innovationen formen. Das Gesundheitswesen ist hier die vorletzte Branche, nur noch gefolgt vom Bildungs-Bereich, die hier noch nicht umgeschaltet hat. Hinzu kommt, dass der erwartete Nutzen von Daten in der Medizin von sehr vielen Akteuren maßlos überschätzt wird. Eine elektronische Akte mit Informationen zum Gesundheitszustand des Patienten ist nicht das Endziel, sondern lediglich eine Voraussetzung für Innovation, mehr nicht.

85% der Kosten im Gesundheitssystem entfallen auf Menschen, die krank sind und es auch bleiben werden, die einen gewissen Gesundheitszustand haben und diesen zumindest verbessern wollen. Über Standards zu sprechen scheint mir hier zumindest zwiespältig zu sein.

MB: Das stimmt. Wir haben im Gesundheitssystem einen grundlegenden Konflikt zwischen Leistungserbringern und Patienten. Der Leistungserbringer muss möglichst standardisiert arbeiten, geradezu industriell. Der Patient fordert dagegen ein hochgradig individuelles Behandlungserlebnis. Das ist kaum lösbar. Nur mit einer digitalen Vernetzung von Arzt und Patient kann dieser Graben sinnvoll überwunden werden. Hier – in dieser Kernbeziehung von Arzt und Patient ist das größte Innovationspotential in der Medizin zu finden.

Obwohl die Medizin mittlerweile dank Leitlinien und Standard Operation Procederes hochgradig standardisiert ist, gibt es hier einen großen Bereich, der nahezu nicht erschlossen ist. Welche Informationen fließen zu welcher Zeit zwischen Arzt und Patient. Wir nennen dies Standard Information Procedures. Eine standardisierte Festlegung, was der Patient wann wissen, messen, tun soll und was der Arzt wann erfahren und dokumentieren soll. Dies fehlt bislang vollständig, der Informationsfluss im Gesundheitswesen ist nahezu komplett dem Zufall überlassen. Die Papier- Aufklärungs- und Anamnesebögen sind da schon die Speerspitze der bisherigen Innovation.

Was sind die praktischen Folgen dieser ungesteuerten Information für die Healthcare der Zukunft?

MB: Konkret: Die vom Arzt vorgeschlagenen Therapien verpuffen häufig in ihrer Wirkung, oder bleiben zumindest weit unter ihren Möglichkeiten. Der Grund dafür ist einfach. Patienten erfahren zu wenig über ihre Situation, verstehen häufig nicht, warum diese Therapie sein muss und haben natürlich Schwierigkeiten, ein komplexes Mediaktions-Regime einzuhalten. Das ist an einigen Kennzahlen sehr schön ablesbar. Jedes fünfte Rezept wird schlicht nicht eingelöst. Ärzte verordnen Jahr für Jahr Medikamente im Wert von 40 Milliarden €. Davon landen zehn Milliarden direkt im Müll und niemand erhält eine Rückmeldung. Könnten wir die Adherence nur ein wenig steigern, würde dies die Kosten des Systems deutlich senken.

Lesen Sie im zweiten Teil des Gesprächs zur Healthcare der Zukunft mit Dr. Markus Bönig, wie er die Rolle des Arztes in der Zukunft einschätzt und wann er mit grundlegenden Veränderungen im Gesundheitssystem rechnet.

Markus Bönig ist Gründer und CEO von vitabook. vitabook ist die in Deutschland führende Plattform für ein gemeinsames Therapie-Management von Arzt und Patient. Mit DocDraft – dem Therapiekonfigurator des Arztes, lassen sich in dieser Plattform sämtliche Aspekte einer Therapie in Form von Standard Information Procedures (SIP) strukturiert und standardisiert zwischen Arzt und Patient festlegen und austauschen. Die Daten werden stark verschlüsselt und liegen in der Microsoft Cloud Deutschland, hochgesichert in zwei deutschen Telekom-Rechenzentren. Mehr Informationen auf www.vitabook.de

Noch einmal: Künstliche Intelligenz der Bundesregierung

Zwei kurze Nachträge zu meinem ersten Post zur Strategie „Künstliche Intelligenz“ der Bundesregierung.

Wer etwas tiefer einsteigen möchte, warum ich die Strategie insgesamt für eine Enttäuschung halte, werfe einen Blick in meine Trendanalyse. In Kürze: Die Strategie „Künstliche Intelligenz“ springt zu kurz, selbst wenn es gelingen sollte, sie vollumfänglich umzusetzen. Das Kabinett träumt von Exportschlagern und weltweiter Führungsposition. Sie schlägt allerdings kaum geeignete Schritte vor.

Und wer ein Beispiel dafür sucht, wie man die Eckpunkte auch ganz anders interpretieren kann, lese die Ärztezeitung. Der Autor lobt die Ankündigung, nun für die notwendige Datengeschwindigkeit zu sorgen. Warum diese vielfach wiederholte Ankündigung nun auf einmal glaubwürdig sein soll, bleibt offen. Derzeit werden die Mittel, die das Bundesministerium zur Verfügung stellt, nicht einmal vollständig abgerufen. Da scheitert die künstliche Intelligenz schon auf dem Weg zum nächsten Verteilerkasten. Die lobende Erwähnung in der Ärztezeitung bleibt wie die Strategie selbst: Unkonkret.

 

Die Sorge des Krankenversicherers vor einem AirBnB des Gesundheitswesens

„Wenn die Patienten alle Daten an Google geben – um mal den größten Player pars pro toto für andere zu nennen –, wird Google der Airbnb des Gesundheitswesens und die Ärzte und auch wir Krankenkassen abhängige und austauschbare Produktzulieferer. Dann werten die Internet-Konzerne die Gesundheitsdaten aus und kommerzialisieren sie. Das kann nicht im Sinne der Patienten sein. Und mit dem Datenschutz ist es dann auch nicht mehr weit her.“

So Dr. Jens Baas, Vorstandsvorsitzender Techniker Krankenkasse im August 2018 beim Versicherungsgipfel des Hamburger Abendblatts.

Dr. Jens Baas, Vorstandsvorsitzender der Techniker Krankenkasse

Airbnb ist offensichtlich nicht im Interesse der klassischen Tourismusbranche – das will das Unternehmen ja auch gar nicht sein – und der öffentlichen Verwaltungen. Wohl aber ist es ebenso offensichtlich im Interesse der Millionen täglicher Nutzer.

Daher drei schlichte Fragen – pars pro toto an den Vorstandsvorsitzenden der Techniker Krankenkasse:

  • Was, wenn die Menschen selbst wählen möchten, wer ihre Gesundheitsdaten auswertet?
  • Was, wenn zwar Krankenkassen und Ärzte nicht begeistert sind, die Nutzer aber einen Service wie den eines AirBnB des Gesundheitswesens wünschen?
  • Was, wenn die Nutzer sich mit ihren Daten selbst schützen wollen – und es nicht als Aufgabe von Krankenkasse und Arzt betrachten, ihre Daten von außen zu schützen?

Das dahinter liegende Problem ist aus meiner Sicht korrekt benannt. Der 2b AHEAD ThinkTank hat gerade in diesem Jahr eine Studie zur Zukunft der Krankenversicherungen veröffentlicht. Darin ist der Wandel beschrieben, der Wandel der Krankenversicherung zum Gesundheitsoptimierer. Die Studie steht zum kostenlosen Download auf der Webseite des Instituts.

Innovation im Labor

So nah und doch so fern? Wer sonst sollte seine Stärken in einer datengetriebenen Medizin der Zukunft ausspielen können, wenn nicht das medizinische Labor? Aber wer entwickelt die neue aktive Rolle für das Labor? Abwarten und nur den Auftrag des Arztes abarbeiten wird keine neuen Geschäftsmodelle erschließen. Die Kundenkommunikation wird zum Schlüssel für das erfolgreiche Labor der Zukunft.

 

Michael Carl, Referent bei den Roche-Tagen in Mannheim 2018

Die künstliche Intelligenz der Bundesregierung

In der vorigen Woche hat die Bundesregierung sogenannte Eckpunkte für eine Strategie „Künstliche Intelligenz“ vorgestellt. Ein langer Text mit großen Worten, das erste „weltweit führend“ taucht bereits in der zweiten Zeile der Ziele auf. Gut so, das Thema kann Ehrgeiz und Ambition vertragen.

Ein kurzer Reflex zum Thema „Gesundheit“ und KI. Denn wäre es tatsächlich zu viel erwartet, hier einiges Erhellende zu Gesundheitsdaten, der Erforschung seltener Krankheiten, internationaler Kooperation oder womöglich sogar zur Neurowissenschaft zu lesen? Gerade letzteres wäre doch von Interesse, der Ort, an dem künstliche und natürlich Intelligenz zusammentreffen, vernetzt, verschränkt, vereint werden. Allein, der Konjunktiv deutet es schon an. Weitgehend Fehlanzeige.

Paradigmatisch ist die erste Erwähnung des Begriffs Gesundheit. Da heißt es: Im Hinblick auf den Einsatz von KI in der Arbeitswelt setzen wir uns für eine menschen-zentrierte Entwicklung und Nutzung von KI-Anwendungen ein. Wir wollen dafür Sorge tragen, dass die Erwerbstätigen bei der Entwicklung von KI-Anwendungen in den Mittelpunkt gestellt werden: die Entfaltung ihrer Fähigkeiten und Talente, ihre Selbstbestimmtheit, Sicherheit und Gesundheit.“

Für eine tief gehende Analyse bietet das schlicht nicht genug Substanz, aber halten wir fest: Zentral ist die Gesundheit der Erwerbstätigen, künstliche Intelligenz vermag offenbar ihre Gesundheit zur Entfaltung zu bringen. Wer wollte das nicht?

Zwei Seiten weiter die nächste Erwähnung: „Zudem kann KI dabei unterstützen, neue Einsichten in die Entstehung und Verbreitung von Krankheiten zu gewinnen, diese schneller zu erkennen und individueller behandeln zu können.“ Das scheint gedanklich nicht weit über eine KI-basierte Prognose der nächsten Grippewelle hinauszugehen.

Die weiteren Erwähnungen: Zweimal Betonung der „Schutzwürdigkeit“ medizinischer Daten bei deren Erschließung, ein Hinweis zu Ausbildungsberufen und einer zur Interoperabilität von Daten.

Das war es.

Wenn das alles wäre, was künstliche Intelligenz zur Gesundheit der Zukunft beitragen könnte, müssten wir uns keine weiteren Gedanken um sie machen. Sollten wir aber.  Ich empfehle weiterhin den Blog der Kollegin Maria Lübcke. Da schreibt jemand mit viel natürlicher über die tatsächlich künstliche Intelligenz.