Mysterium Arztbrief

Die Meldung ist zwei Wochen alt, sie hat das Zeug zum Skandal und verhallt doch ungehört: Ein großer Teil von Hausärzten verbringt täglich bis zu eine Stunde mit der Lektüre von Arztbriefen, besonders aus Kliniken. Und sie verstehen sie nicht. Eine Studie der Universität Düsseldorf belegt dies sehr anschaulich. Die Ärztezeitung hat darüber berichtet. Es soll niemand sagen können, er habe es nicht gewusst. Und doch: Nichts.

Unverständliche Abkürzungen, überflüssige Informationen, keine Struktur, echte Lücken. Der Arztbrief in seiner heutigen Form ist ganz offensichtlich kein geeignetes Instrument für die Arzt-zu-Arzt-Kommunikation. Dabei bestehen klare gesetzliche Verpflichtungen zu einem verlässlichen Entlassmanagement. Autor und Leser des Briefes haben auch beide studiert, sogar dasselbe Fach. Dennoch ist die Qualität der Kommunikation so miserabel, dass der Arztbrief mehr ist als eine Fehlerquelle: Er ist offensichtlich eine Fehlergarantie.

Und doch treffe ich immer wieder Akteure des Gesundheitswesens, für die der Scan eines handschriftlichen Arztbriefes bereits ein Schritt in Richtung Digitalisierung ist. Zuletzt auf einer hochrangig besetzten Konferenz in Berlin im April 2019. Spoiler Alarm: Ist es nicht. Die Studie der Universität Düsseldorf belegt deutlich, wie tief die Früchte der Digitalisierung des Gesundheitssystems eigentlich hängen. 12.000 Symptome sind klassifiziert. Sie gilt es aufzunehmen, zu dokumentieren und daraus auf eine oder mehrere von 10.000 beschriebenen Krankheiten zu schließen.

Was für das menschliche Hirn eine laufende Überforderung ist, mutiert in der digitalen Kommunikation zur Fingerübung. Jeder Informatik-Student im ersten Semester programmiert zum Aufwärmen eine Kommunikationslogik, die diese Informationen zuverlässig aufbereitet und transportiert.

Haben wir eigentlich jemals geglaubt, ein Brief sei das geeignete Medium, um komplexe medizinische Daten zu teilen? Von der legitimen Anforderung von Patienten, die eigenen medizinischen Daten und deren klinische Interpretation zuallererst selbst zu erhalten – und das in einer verständlichen Form – sprechen wir ja noch gar nicht. Wer ernsthaft ein Interesse an einer zunehmend digitalisierten Medizin zum Wohle des Menschen hat, fängt morgen an.

Drei Fragen – drei Antworten: Dr. Stefan Knupfer, Vorstand der AOK Plus

Das 2b AHEAD-Expertennetzwerk im Dialog. In regelmäßiger Folge formulieren Gesundheitsexperten relevante Fragen zur Zukunft der Gesundheit. Andere Experten aus unserem Netzwerk nehmen dazu Stellung – und stellen wiederum neue Fragen, die an neue Experten gehen. So wächst ein inspirierender Dialog, den wir immer weiter fortschreiben werden.

Heute im Fokus: Dr. Stefan Knupfer von AOK Plus

Dr. Stefan Knupfer, AOK PlusDie Expertenfragen gehen heute an Dr. Stefan Knupfer, stellvertrender Vorsitzender des Vorstandes bei der AOK Plus für Sachsen und Thüringen mit Sitz in Dresden. 2006 wurde Herr Dr. Knupfer zum Bevollmächtigten des Vorstandes ernannt. Mit der Fusion zur AOK PLUS übernahm er die Aufgabe des Geschäftsführers des Unternehmensbereiches Markt. Seit 2011 arbeitete er als Geschäftsführer der Unternehmenseinheit Finanzen/Controlling und Bevollmächtigter des Vorstandes.

Die Zukunft des Solidaritätsprinzips in einer alternden Gesellschaft

Peter Ohnemus, DacadooPeter Ohnemus, Gründer und CEO von Dacadoo: Wie soll das Solidaritätsprinzip in einer Welt finanziert werden können, in der wir durchschnittlich über 85 Jahre alt werden und bald 30% der deutschen Bevölkerung 65+ sein wird?

Dr. Stefan Knupfer, AOK PlusDr. Stefan Knupfer, stellvertrender Vorsitzender der AOK Plus: Die dem Solidarprinzip bis heute zugrundeliegende Logik basiert auf der Annahme, dass eine alternde Gesellschaft zugleich eine kränkere Gesellschaft sein muss. Ich glaube dieser Ansatz ist obsolet.

Ist es nicht inzwischen vielmehr so, dass ältere Menschen länger gesund bleiben und gesünder altern? Ist es nicht auch so, dass alternden Menschen heute bessere und auch kostengünstigere Therapien zu Verfügung stehen, als noch vor einigen Jahren?

Die Hauptlast der Gesundheitsausgaben im Leben eines Menschen fällt in den letzten drei Lebensjahren an und ist bei chronisch kranken Menschen signifikant höher als bei nicht chronisch Kranken. Ist es an dieser Stelle also nicht viel sinnvoller, den Fokus auf die Prävention chronischer Erkrankungen zu legen? Ich denke, die digitale Transformation bietet hierbei zahlreiche Chancen, deren Potenzial im Moment bei Weitem noch nicht hinreichend genutzt wird.

Fakt ist, dass sowohl der medizinische Fortschritt aber im Besonderen auch die Digitalisierung mit großen Schritten voranschreiten. Damit einhergehend offenbaren sich zahlreiche bisher noch nicht oder nur unzureichend genutzte Möglichkeiten, die Gesundheitsversorgung anders aber auch effizienter zu gestalten und dabei das Wohl des Einzelnen in einer alternden Gesellschaft nicht aus dem Blick zu verlieren.

Darüber hinaus basiert das gesellschaftliche und wirtschaftliche System in Deutschland derzeit im Wesentlichen auf Privateigentum wobei ein Umverteilungsprinzip bzw. der Ansatz einer Sharing Economy bisher nur wenig zum Tragen kommen. Infolge des demographischen Wandels und zunehmender Individualisierungstendenzen gerät das Solidarprinzip von Gesetzlichen Krankenversicherungen in Schieflage. Dies wird zukünftig den politischen Weg für eine Bürgerversicherung zur Grundversorgung oder eine neuartige Finanzierung des Solidaritätsprinzips durch Steuersubventionierung z. B. aus einer Finanztransaktionssteuer ebnen.

Zukünftig wird Verteilungsgerechtigkeit eine größere Rolle spielen müssen. Gesundheit wird zu einem öffentlichen Gut. Besondere Herausforderungen liegen in der gerechten Verteilung der Gesundheitsressourcen und im gerechten Zugang zur Gesundheitsprävention und -versorgung für alle Menschen, unabhängig von Herkunft und Einkommen. Rationalisierung durch Digitalisierung allein wird nicht ausreichen, um den Kostendruck durch medizinischen Fortschritt und demographischen Wandel zu kompensieren.

Damit wird die Frage nach einer alternativen Systemlogik unumgänglich. In einer auf Verteilungsgerechtigkeit fußenden Sharing Economy hat jeder Mensch die gleichen Zugänge zu medizinisch-technischen Innovationen. Ebenso machen Trends wie beispielsweise der zunehmende „Medizintourismus“ i. S. einer länderübergreifenden Inanspruchnahme medizinischer Leistungen aber auch die zunehmende Bereitschaft zum Teilen von Daten ein grundsätzliches Umdenken erforderlich. Big Data kann aus meiner Sicht eine neue „Währung“ sein und die obsoleten Kausalitätsargumentationen ablösen. So drückt in Zeiten digitaler Transformation ein um die Datenteilungsdimension erweiterter Solidargedanke auch zukünftig den Willen der Menschen aus, füreinander einzustehen.

Experimentelle Medizin für todkranke Patienten

Liz Parrish, BiovivaLiz Parrish, Gründerin und CEO von Bioviva: Glauben Sie, dass todkranke Patienten Zugang zu experimenteller Medizin haben sollten?

Dr. Stefan Knupfer, AOK PlusDr. Stefan Knupfer, stellvertrender Vorsitzender der AOK Plus: Die experimentelle Medizin stellt in meinen Augen die Basis aller therapeutischen Interventionen dar, denn sie legt mit Proof-of-Principle-Experimenten die Grundlage für weiterführende klinische Studien.

Experimentelle Medizin ermöglicht es, menschliche Krankheiten, also beispielsweise deren Ursprung, deren Pathogenese sowie deren Auswirkungen für den Organismus überhaupt zu verstehen und aus diesem Verständnis heraus neue wirksame Therapien verschiedenster Natur zu entwickeln. Experimentelle Medizin bedeutet in der Regel Grundlagenforschung – natürlich mit dem Ziel, praktisches therapeutisches Handeln am Krankenbett zu verbessern.

Bis die Erkenntnisse experimenteller Medizin jedoch tatsächlich am Krankenbett zur Verfügung stehen, vergeht oftmals viel Zeit – Zeit, die ein sterbenskranker Mensch unter Umständen nicht mehr hat. Ein solch sterbenskranker Mensch, der in voller Kenntnis und in vollem Bewusstsein seiner Situation ist, und sich aus freien Stücken dafür entscheidet, sollte aus meiner Sicht Zugang zu experimenteller Medizin – also zu medizinischen Interventionen, welche noch nicht vollumfänglich evidenzbasiert für die Gesundheitsversorgung zugelassen sind – haben.

Der entscheidende Punkt ist jedoch, dass sterbenskranke Menschen oftmals nicht mehr fähig sind, eine solche Entscheidung vollen Bewusstseins und voller Willenskraft selbst zu treffen. Hier sehe ich eine ethische grundlegende Frage unserer Gesellschaft, die dringend eines offenen Diskurses bedarf: Wie gehen wir mit den fortschreitenden medizinischen Möglichkeiten um, über die wir inzwischen verfügen, um sterbenskranke Menschen künstlich am Leben zu erhalten? Dürfen Personen des Vertrauens für sterbenskranke Angehörige sprechen, also in deren (mutmaßlichem) Willen handeln, wenn es darum geht, experimentelle Medizin als ultima ratio zu wählen oder gar, um den todkranken Menschen für weiterführende Grundlagenforschung verfügbar zu machen?

Hierzu gibt es bisher keinen gesellschaftlichen Konsens, keinen von allen Menschen getragenen „modus operandi“. Insofern verbietet sich derzeit also eine generalistische Antwort auf die wohl stets individuell zu beantwortende Frage des Zugangs zu experimenteller Medizin für sterbenskranke Menschen.

Der Arzt als „gesundheitlicher Seelsorger“

Frieder Hänisch, Limbachgruppe Frieder Hänisch, Business Development, Limbach Gruppe: Ist die wesentliche Rolle des Arztes in Zukunft weiterhin der „gesundheitliche Seelsorger“, welcher die Therapieentscheidung herbeiführt und gegenüber technischen Diensten (beispielsweise ADA-App) einen Kompetenzvorsprung hat, oder wird er lediglich als juristische Person für Haftungsfragen im Gesundheitswesen benötigt?

Dr. Stefan Knupfer, AOK PlusDr. Stefan Knupfer, stellvertrender Vorsitzender der AOK Plus: Als Einstieg eine Gegenfrage: Ist der Arzt heute wirklich ein „gesundheitlicher Seelsorger“? Ist er nicht vielmehr ein recht rationaler „Erfasser des Gesundheitszustands“ und ein Therapeut von oftmals nur Symptomen, nicht jedoch von systemischen und dazu noch dynamischen Zuständen – denn schließlich sind Krankheit und Gesundheit keine statischen Entitäten?

Die sogenannte „sprechende Medizin“, die hohe Anforderung an soziale Kompetenzen des Mediziners stellt, ist in den vergangenen Jahrzehnten tatsächlich immer mehr in den Hintergrund der ärztlichen Tätigkeit getreten. Ich glaube jedoch, dass sich dieser Trend wieder in Richtung einer Rückbesinnung auf die – nennen wir sie doch – „seelsorgerischen“ Kompetenzen entwickeln wird. Soziale Kompetenzen, ein hohes Maß an Empathie und die Fähigkeit, andere Menschen zu beraten, vielleicht sogar zu coachen werden die Rolle des Arztes in Zukunft maßgeblich ausmachen.

Gleichermaßen wird von Ärzten in Zukunft ein viel größeres Verständnis im Umgang mit digitalen Anwendungen verlangt werden, denn diese werden die Arbeit von Ärzten am Patienten zukünftig in viel höherem Maße unterstützen. Die Rolle des Arztes wird sich zwischen dem Arzt als „Life Scientist“ und dem Arzt als „Mental Scientist“ bewegen. Die Informationsasymmetrie zwischen Arzt und Patient nimmt immer mehr ab, was bedeutet, das mündige und gut informierte Patienten in Zukunft für ihre jeweilige Gesundheitssituation die bestmöglichen Angebote von einem Arzt erwarten.

Die Rolle des Arztes wird sein, gemeinsam mit seinem Patienten und mit digitaler Unterstützung jeweils die beste Form der Prävention, Diagnostik oder auch der Therapie zu finden.

Drei Fragen – drei Antworten: Frieder Hänisch, Limbach Gruppe

Das 2b AHEAD-Expertennetzwerk im Dialog. In regelmäßiger Folge formulieren Gesundheitsexperten relevante Fragen zur Zukunft der Gesundheit. Andere Experten aus unserem Netzwerk nehmen dazu Stellung – und stellen wiederum neue Fragen, die an neue Experten gehen. So wächst ein inspirierender Dialog, den wir immer weiter fortschreiben werden.

Heute im Fokus: Frieder Hänisch von der Limbach Gruppe

Die Expertenfragen gehen heute an Frieder Hänisch, Projektmanager Business Development bei der Limbach Gruppe mit Sitz in Heidelberg.  Die Limbach Gruppe ist als Zusammenschluss unabhängiger Labore entstanden und bildet die größte inhabergeführte Laborgruppe Deutschlands.

Asymmetrie des Wissens

Peter Ohnemus, DacadooPeter Ohnemus, Gründer und CEO von Dacadoo: DNA Testing wird immer leistungsstärker und günstiger. Wie wollen wir diese Asymmetrie zwischen dem Kunden und der Krankenkassen in Zukunft regeln? Der Kunde kann alles über sein Krankheitsbild wissen und die Krankenkassen müssen einfach «blind» zahlen?


Frieder Hänisch, LimbachgruppeFrieder Hänisch, Business Development, Limbach Gruppe: Es gibt zwei Szenarien, bei der eine Genomsequenzierung für den einzelnen erfahrbar zum Einsatz kommt: Die diagnostische Sequenzierung aufgrund eines Erkrankungsfalles oder die Sequenzierung im Auftrag eines Kunden für Selbstzahler.

Im Falle einer Erkrankung ist die Genomsequenzierung bei einer Auswahl von Krankheitsbildern zur Therapieentscheidung indiziert. Bei der sogenannten Companion Diagnostic wird auf Basis des individuellen Genoms das wirksamste Medikament ausgewählt. Prominente Beispiele sind onkologische Erkrankungen wie Brustkrebs. Hier hat die Medizin gelernt, dass die ursprünglich entwickelten Medikamente bei einem Teil der Patienten unwirksam sind, da der Wirkmechanismus des Medikamentes die Zell-Rezeptoren nicht interagieren kann. Im Jahr 2017 gab es allerdings nur 14 Krankheitsentitäten, bei der ein solches Verfahren sinnvoll eingesetzt werden kann.

In diesem Szenario besteht aus meiner Sicht keine Asymmetrie. Sowohl Patient als auch die Krankenkasse haben in hohem Maß ein Interesse an der schnellen, zielführenden und damit auch kostengünstigsten Therapie.

Im Falle eines gesunden Betragszahlers ist die Kenntnis über die Genom-Information von beiden Seiten zu betrachten: A) der Krankenkasse liegt die Information vor, dem Beitragszahler aber nicht, und im entgegengesetzten Fall B) liegt die Genominforamtion dem Beitragszahler vor, der Krankenkasse aber nicht.

A) Die Krankenkasse entspricht im Geschäftsmodell einer Versicherung. Sie hat dadurch immer ein Interesse, individuelle Erkrankungsrisiken und deren Eintrittswahrscheinlichkeiten zu kennen, um das Geschäftsmodell über die Beitragssätze zu steuern. Im Extremfall bedeutet das die Beitragsermessung auf Basis des einzelnen Genoms. Sofern es die Gesellschaft über ethische Normen und Gesetzgebung nicht blockiert, ist das beschriebene Vorgehen zukünftig wahrscheinlich.

Einschränkend sollte erwähnt werden, dass das Genom nur Aussagen über die Eintrittswahrscheinlichkeit für eine Auswahl von Erkrankungen zulässt. Aus meiner Sicht ist die Kenntnis über den Internet-Browserverlauf eines Krankenkassenmitgliedes um ein vielfaches aussagekräftiger für die Bildung von Risikomodellen als die genetische Information.

B) Die aktuellen kommerziellen Angebote zur Genomsequenzierung wie „23andMe“ (Genomsequenzierungsservice für 99 USD, Stand November 2018) oder MyHeritage stellen sich eher als Lifestyle-Produkt für Enthusiasten und Ahnenforscher dar. Im Kern steht noch eine andere Frage im Vordergrund: Kommt ein psychologischer Faktor zum Tragen, wenn die private Genomanalyse eine Erkrankungswahrscheinlichkeit für schwere Erkrankungen liefert, welche erst in der mittleren Lebensphase auftreten kann? Chorea Huntington beispielsweise bricht erst um das 40. Lebensjahr aus. Durch Kenntnis einer Prädisposition steigt die psychologische Belastung möglicherweise enorm an. Das Recht des Wissens steht dem Recht auf ein bewusstes Nichtwissen gegenüber.

Ich würde nicht von einem „Blind zahlen“ der Krankenkassen sprechen. Eine Zahlung erfolgt im Erkrankungsfall, nicht im Falle der Wahrscheinlichkeit einer künftigen Erkrankung. Weiterhin fallen im Durchschnitt 80% der individuellen Gesundheitskosten durch die intensiv-medizinische Versorgung ganz am Lebensende an (etwa letzte zwei Jahre des Lebens). Aus dieser Tatsache heraus halte ich den Informationsvorsprung eines einzelnen durch Kenntnis seiner Erbinformation für vernachlässigbar für das Gesundheitssystem.

Personalisierung vs. Datenschutz

Arkadiusz Miernik, Universität FreiburgArkadius Miernik, Professor an der Universität Freiburg: Wie wird die weitere Entwicklung von datenbasierten, personalisierten Behandlungsansätzen möglich, wenn die Auflagen auf den Datenschutz immer strenger werden?


Frieder Hänisch, LimbachgruppeFrieder Hänisch, Business Development, Limbach Gruppe: Vielen Dank für diese sehr aktuelle und wichtige Frage. Es ist gleichzeitig eine vielschichtige Frage.

Schon heute, noch ohne personalisierte Behandlungsansätze, steht die Pharma-Forschung vor der großen Herausforderung, das ideale Patientenkollektiv zu identifizieren und in die späteren Phasen der klinischen Studien einzuschließen. Da die statistische Effektstärke des neuen Behandlungsansatzes jene der bisher eingesetzten Behandlung übertreffen muss, wird die Wahl des Studienkollektives per se immer schwieriger. Die fundamentale Hürde liegt also beim Studiendesign und erst viel später beim Datenschutz.

Der Datenschutz wird relevant, wenn möglichst große Daten-Pools über einen längeren Zeitraum erstellt und dann ausgewertet werden sollen. Also alle Studien, welche einen Big-Data-Ansatz nutzen. Von der wissenschaftlichen Seite bin ich da beim Nutzen etwas skeptisch. Mehr Daten bedeutet nicht zwangsläufig bessere Daten. Für mich steht hier eher die Frage nach dem minimalen Datensatz im Vordergrund, der zur Beantwortung der Fragestellung erforderlich sein muss.

Als Lösungsansatz sehe ich perspektivisch den Einsatz von neuen Technologien wie der Blockchain-Technologie. Sie bietet die Möglichkeit einer validierten und lückenlosen Dokumentation der genutzten Daten (smart contracts). Diese Technologie ermöglicht es beispielsweise, persönliche Daten von Studienteilnehmern mit einem Token zu verknüpfen. Jede Nutzung der Daten im Sinne einer Analyse sollte hierbei eine nachverfolgbare Transaktion generieren. Dem Datenbesitzer gibt es somit die Möglichkeit, die Nutzung seiner Daten zu steuern und die Entscheidungshoheit ähnlich wie beim Urheberrecht zu behalten. Etwas weitergedacht können hierbei auch neue Zahlungsmodelle für die Nutzung persönlicher Gesundheitsdaten entstehen. Der Studienteilnehmer hinterlegt die Daten anonymisiert und bei einer Nutzungsanfrage seitens einer Studie kann er die Transaktion freigeben, gegebenenfalls sogar gegen eine Nutzungsgebühr.

Leider existiert meines Wissens nach heute noch keine Implementierung dieser Technologie, sodass sich dieses Gedankenexperiment erst noch in der Realität beweisen muss.

Zusammenspiel des Körperlichen und Mentalen

Florina Speth, 2b AHEADFlorina Speth, Senior Researcher, 2b AHEAD ThinkTank: Das Zusammenspiel unseres mentalen und unseres körperlichen Zustandes wird in der westlichen Medizinwelt oftmals noch ausgeblendet. Wie wird sich dies in Zukunft entwickeln?


Frieder Hänisch, LimbachgruppeFrieder Hänisch, Business Development, Limbach Gruppe: Entgegen der körperlichen Erkrankungen, welche sehr gut molekular beschrieben und verstanden sind, sind die Geisteskrankheiten vorwiegend phänotypisch charakterisiert. Ähnliche Symptome werden als ähnliche Erkrankung interpretiert. Da im Bereich der Geisteskrankheiten Symptomausprägung und Intervalle der Krankheitsphasen sehr breit gefächert sind, führt diese Grundannahme möglicherweise zu einer irreführenden Klassifikation von Krankheitsbildern. Besser wäre eine Klassifikation nach dem molekularen Profil. Als Analogie seien hier die Neu-Klassifizierung von Bakterien genannt, die auf Erkenntnissen der Genomanalyse beruhen.

Weiterhin ist die Diagnose von Geisteskrankheiten im Wesentlichen abhängig von standardisierten Fragebögen, bei denen die Eigenwahrnehmung der Patienten zur Diagnose beiträgt und zum anderen auf der subjektiven Erfahrung des Psychologen beruht. Biomarker zur Diagnose sind zwar in der Forschung, eine Marktakzeptanz konnten sie bisher nicht erlangen.

Die Weiterentwicklung dieses Wissenschaftsfeldes ist aber klar erkennbar und so nimmt das  Standard-Werk zur Klassifikation von Geisteskrankheiten „Diagnostischer und statistischer Leitfaden psychischer Störungen“ (DSM-V) zunehmend Bezug auf das molekulare Grundgeschehen.

Neurodegenerative Erkrankungen – wie beispielsweise die Alzheimer-Demenz – sind Erkrankungen des Alters. Weltweit ist die Lebenserwartung zwischen 1960 und 2010 von 50 Jahren auf über 65 Jahre gestiegen. Diese Zunahme um 15 Jahre hat diese Krankheitsbilder demaskiert. Sie waren schon immer da, aber ihr Symptombild war kaum relevant, da andere Erkrankungen schon vorher zum Tod geführt haben.

Diese schulmedizinischen Beispiele zeigen ein sich entwickelndes Verständnis für die mentalen Beeinträchtigungen auch in der westlichen Welt. Bezugnehmend auf Ihre Eingangsfrage kann ich keine guten Gründe nennen, die in der westlichen Medizinlehre für diese starke körperliche Fokussierung sprechen. In Asien liegt diese Verbindung von Körper und Seele meiner Einschätzung nach auch im der religiös gefärbten Weltanschauung begründet. In Japan wird jedem Objekt eine Seele zugesprochen, das ist ein völlig anderes Grundverständnis als unsere westliche Unterteilung in organische/ belebte und anorganische Substanzen.

 

Der unmündige Patient hat Feierabend

Die Rollen von Arzt und Patient in der Zukunft: Was gestern noch der unmündige Patient war, hat sich längst gewandelt. Derjenige, der eben noch geduldig und ergeben auf das Urteil des allein kompetenten Experten in Weiß zu warten hatte, gibt sich mit dieser Rolle nicht mehr zufrieden. Oder sollte es zumindest nicht mehr tun. Gegenbeispiele siehe unten.

Steven Joffe von der University of Pennsylvania hat gerade in einem erfreulich differenzierten und klaren Artikel beschrieben, wie die drei Faktoren Patientenrechte, verfügbares Wissen und Direct-to-Consumer-Tests das Arzt-Patienten-Verhältnis nachhaltig verändert haben. Er skizziert, wie der unmündige Patient auf Augenhöhe kommt. Joffes Artikel verdient eine dringende Leseempfehlung. Sie sei hiermit ausgesprochen.

Drei Faktoren
  • Faktor 1: Patientenrechte. Ihre Formulierung hat überhaupt erstmals dazu geführt, den Anspruch der Patienten auf eine eigene Meinung, eine eigene Entscheidung und entsprechende Informationsleistungen des Arztes zu stützen.
  • Faktor 2: Das Internet als stetig stärker sprudelnde Quelle medizinischen Wissens.
  • Faktor 3: Die zunehmende Verfügbarkeit von medizinischen Tests mit wissenschaftlichem Anspruch direkt für Patienten. Diese neue Rolle für Labore mit den damit verbundenen Geschäftsmodellen haben wir bereits verschiedentlich hier und hier diskutiert. Joffe hebt die Wirkung gerade dieser Entwicklung für das gesamte Gesundheitssystem deutlich hervor.

Der Präzision halber: Wir sprechen hier ausschließlich über die Arzt-Patienten-Beziehung niedergelassener Ärzte. Der unmündige Patient des Krankenhauses ist ein zwar ähnliches, aber komplexeres Thema. Dies greife ich bei späterer Gelegenheit auf.

Eine zeitgemäße Rolle des Arztes

Joffe zeigt, wie einerseits immer noch höchst lebendig unser traditionelles Bild der Rollen im Gesundheitswesen ist. Hier der Experte, dessen Urteil zu folgen ist. Dort der empfangende Patient. Andererseits demonstriert Joffe, dass diese Rollen sachlich schon ihre Berechtigung verlieren.

Die zeitgemäße und vorwärts gewandte Rolle von Ärzten ist demzufolge eine dreifache:

  • Der Arzt als Berater und Gesundheitscoach des Patienten,
  • der Gatekeeper für fortgeschrittenes medizinisches Wissen und besondere Testverfahren und
  • schließlich auch der Zugang zu optimalen Follow-up-Services. Also dem medizinisch Notwendigen, wenn auch vielleicht nicht direkt vom Patienten verlangten. Der Arzt ist hier derjenige, der die Konsequenzen einer Krankheit und einer Behandlung überblickt. Der sich aus eigener Initiative für das medizinisch Notwendige stark macht – und der auf diese Weise einen Mehrwert schafft.

So viel zur Gegenwart.

Zweite Meinung bei Yahoo?

Zu dieser Gegenwart gehört allerdings auch dieses Bild aus einer Arztpraxis, das dieser Tage bei Twitter herumgeht und binnen kürzester Zeit tausendfach Zustimmung erfahren hat:

Der unmündige Patient - Dr. Google muss draußen bleiben

Die Reaktion: Mehrere tausend likes, hunderte Kommentare entlang eine Linie „Patienten können derart nervig sein, wenn sie nicht auf die Diagnose des Arztes vertrauen“. Ja, das sind sie, jedenfalls für gefühlte Halb- und Dreiviertelgötter in Weiß. Hat hier ein Arzt Angst vor Patienten, die eigene Verantwortung übernehmen wollen? Jedenfalls hat er Schwierigkeiten mit der Kommasetzung. Aber irgendetwas ist ja immer.

Wer solche Schilder in seiner Praxis aufhängt, spricht seinen Patienten sehr viel mehr ab als allein die Fähigkeit, im Internet gezielt nach Gesundheitsinformationen zu suchen. Mit dem Verweis auf Yahoo mutet der Aushang wie aus dem Jahr 2000 an. Die Geisteshaltung dahinter ist deutlich älter, sie stammt tief aus dem vorigen Jahrhundert.

Gegenfrage: Wer wollte einem Patienten ernsthaft empfehlen, sich ausschließlich auf das Wissen zu verlassen, das ein einzelner Experte binnen weniger Minuten aus seiner Erinnerung reproduziert? Mit einem Rechercheaufwand, begrenzt durch die Zeit, die das Gesundheitssystem eben gerade vergütet.

Eine zukunftsgemäße Rolle des Arztes

Wichtiger noch aus Sicht der Zukunftsforschung ist die Frage, wie wir die Reihe der Trends und Treiber fortsetzen:

Auf Patientenrechte, verfügbares hochqualitatives Wissen und B2C-Testverfahren folgt mindestens

  • Künstliche Intelligenz im Alltagseinsatz bei Arzt und Patient,
  • eine exponentiell in Art und Menge wachsende Datenbasis,
  • große internationale Akteure, die auf den Gesundheitsmarkt drängen und hier eine kompetente Rolle beanspruchen,
  • mehr und mehr: Eine Deutung der Biologie und Medizin als Informationstechnologie.

Auf dieser Grundlage verhandeln wir dann die Rollen zwischen Gesundheitssuchendem (Ex-„Patient“) und kompetentem Begleiter, Unterstützer und Impulsgeber (Ex-„Arzt“). Der unmündige Patient hat Feierabend.

 

Das gesunde Tempo: Alexa vs. Karte

Zwei Meldungen, auf die @medinfode heute hingewiesen hat: Alexa lernt Diagnostik und das Handelsblatt vermeldet einen Durchbruch bei der elektronischen Patientenakte. In der natürlich zufälligen Gegenüberstellung bilden sie ein Lehrstück über die Bedeutung von Geschwindigkeit: Das gesunde Tempo macht die Healthcare der Zukunft.

Doktor Alexa

Meldung eins: Amazon arbeitet daran, dass Alexa an der Stimme des Menschen eventuelle Krankheiten erkennt. Über ähnliche Ansätze hatte ich schon einmal im Zusammenhang mit Beyond Verbal berichtet. Und Amazon ist hier im Blog ohnehin als einer der prägenden Akteure der Healthcare im Blick.  Bereits 2017 hat Amazon das entsprechende Patent auf den Algorithmus angemeldet. Nun wurde dem stattgegeben.  In Kurzfassung: Dass Alexa laufend zuhört, was in der Umgebung der smarten Lautsprecher geschieht, ist bekannt. Mit diesem Entwicklungsschritt geht Amazon dazu über, die Stimmen der Umgebung auf Krankheiten zu scannen: Husten und Schnupfen, aber offenbar auch Depressionen. Von uns Zukunftsforschern lange vorhergesagt, hier wird es Realität: Die Emotion wird selbstverständlicher Bestandteil von Datenerhebung und Datenanalyse.

Der Nutzen für Amazon liegt auf der Hand. Wer das körperliche Empfinden eines Menschen genauer kennt, vermag ihn an entscheidender Stelle persönlich zu adressieren. Wer Husten hört, kann personalisierte Werbung ausspielen. Und mehr noch: Er kann auch Bestellvorschläge machen und Heilprodukte verkaufen. Ganz nebenbei entsteht hier ein geradezu perfekter Usecase für Modelle mit ultrakurzes Lieferzeiten. DocMorris wirbt derzeit flächendeckend für seine Online-Services mit dem Slogan „Wer ins Bett gehört, sollte nicht zur Apotheke gehen müssen“. Diese Logik ist hier schon wieder überholt: Wer den richtigen smarten Speaker hat, muss nicht einmal mehr seine Online-Apotheke bemühen.

Doktor mit Karte

Die andere Erfolgsmeldung – und ja, es handelt sich um eine Erfolgsmeldung: Die wichtigsten Akteure der Selbstverwaltung im Gesundheitswesen haben sich auf ein Grundsatzpapier geeinigt, das uns bis 2021 eine erste Form der elektronischen Gesundheitskarte im Alltagsbetrieb bescheren soll. Das ist a) mehr als in den vergangenen 15 Jahren zustande gebracht wurde. Das ist aber b) eben nur genau das, was es ist: Ein Papier. Abgestimmt ist, was die KVen abarbeiten sollen und was die Gematik.

Die Eckdaten klingen vielversprechend: Die Hoheit über die Daten bleibt beim Patienten. Dass hierin die Zukunft liegt haben wir bei 2b AHEAD bereits 2015 in einer großen Studie prognostiziert. Einheitliche Standards sollen breite Anwendung sichern. Und zumindest der Bundesgesundheitsminister lässt sich bereits mit der Aussage zitieren, die Karte sei ja schließlich nur ein Zugangsweg von potenziell vielen. Entscheidend sei die Netzwerkstruktur im Hintergrund.  Und die Krankenkassen sekundieren: Ein Abweichen sei jetzt nicht mehr ohne Gesichtsverlust möglich. Andererseits: Wer der Beteiligten hat in den Jahren seit 2004 sein Gesicht eigentlich noch nicht verloren? Gestört hat es noch keinen.

Und hier ist der Zusammenhang: Der eine immer wieder unterschätzte Faktor bei Prognosen zur Künstlichen Intelligenz ist deren Lerntempo. Einmal in der Welt beschleunigt sich das Wachstum der Leistungsfähigkeit immer weiter. Voraussetzung: Im System entstehen hinreichend viele Daten. Dass dies gegeben ist, dürfte bei Alexas Marktdurchdringung nicht ernsthaft zur Debatte stehen. Das gesunde Tempo prägt die Prognose. Die einen programmieren Netzwerkstandards, die anderen lassen Algorithmen größte Datenmengen auswerten. Die einen setzen unter Sanktionsandrohung durch, dass Arztpraxen taugliche Lesegeräte anschaffen, die anderen lassen Algorithmen größte Datenmengen auswerten. Die einen hoffen auf das erste erfolgreich abgeschlossene Projekt der Gematik, die anderen lassen Algorithmen größte Datenmengen auswerten.

Wer gewinnt? Eben.

 

Keine Cyborgs! Amazon positioniert sich

Andrew Bosworth, VR-Chef von Amazon, hat seine Sicht auf die Zukunft des Menschen deutlich gemacht: „Wir haben keine Projekte, bei denen es um Implantate geht. Wir bauen keine Cyborgs.“ Menschliche Superkräfte ja, aber keine Cyborgs.
Wie alle großen Tech-Konzerne arbeitet auch Amazon intensiv an Projekten zur Zukunft von Healthcare. Andrew Bosworth betont dabei, wie zentral eine Erweiterung des menschlichen Sehvermögens für ihn ist. Entsprechend hoch ist die Priorität von VR und AR-Technologie. In dem aktuellen Interview kündigt Bosworth eine Brille an, die wir jeden Tag tragen können, um zusätzliche Informationen Dritter zu nutzen. Auch Amazon verschreibt sich also der Erweiterung der menschlichen Fähigkeiten. Diese Erweiterung findet aber außerhalb des Körpers statt. Damit positioniert sich Amazon in der Reihe derer, die eine non-invasive Evolution des Menschen anstreben.
GAFA goes Healthcare
Keine Cyborgs oder eben gerade doch – die großen Techkonzerne arbeiten erkennbar an ihrer Rolle in der Healthcare der Zukunft. Die Schwerpunkte sind dabei durchaus unterschiedlich. Bei Microsoft treibt Health-Chef Simon Kos die Entwicklung in Richtung Vernetzung von Medizin und Pflege. Das Unternehmen strebt nach einer zentralen Rolle in der klassischen Medizin-Branche und darüber hinaus. Die Kernpunkte hat Simon Kos bei seiner Keynote auf dem 2b AHEAD Zukunftskongress in Wolfsburg im Juni 2018 dargelegt. Das Video steht hier bereit.
Simon Kos, Microsoft, and Michael Carl, 2b AHEAD ThinkTank
© www.AndreasLander.de
Bei Apple steht die Entwicklung eigener Technologie stärker im Zentrum. In Cupertino rüstet man personell auf und hat gerade die Funktionalitäten der eigenen Devices gestärkt, allen voran der Apple Watch. Hier wird das ohnehin eher hermetisch geschlossene Ökosystem Stück für Stück weiter ausgebaut, Schwerpunkt Erhebung von Vitaldaten. Ausbaustufe ist die Diagnose.
Google hat demgegenüber schon lange einen Akzent bei der medizinisch-wissenschaftlichen Forschung gesetzt. Das Video mit Andrew Conrad ist legendär, gezielte Zukäufe erweitern das Portfolio.
Elon Musk, wie wohl streng genommen nicht Mitglied der GAFA-Familie, nimmt hier eine bemerkenswerte Rolle ein. Mit einem „Keine Cyborgs“ kann er sichtlich nichts anfangen. Im Gegenteil: Seine Impulse gehen stark in Richtung digitaler Aufrüstung des Menschen. Er betont bei jeder Gelegenheit, dass dies unser einziger Schutz gegen die immer mächtigere künstliche Intelligenz ist. Nur die gezielte Erweiterung des menschlichen Körpers wird uns davor bewahren, zur putzigen Hauskatze der künstlichen Intelligenz zu werden. Die Einzelheiten und den Stand der Entwicklung habe ich im Sommer detailliert in einer Trendanalyse beschrieben, die 2b AHEAD hier veröffentlicht hat.

Healthcare der Zukunft (2/2)

Im Sommer 2018 habe ich bei den Roche-Tagen „Diagnostik im Dialog“ die Keynote gehalten. Im Anschluss habe ich ein paar sehr grundlegende Überlegungen zur Healthcare der Zukunft notiert. Sie sind gerade in einer Veröffentlichung von Roche erschienen. Der erste Teil steht hier; dies ist der zweite Teil des leicht gekürzten Texts.

Vom Patienten zum Gesundheitskunden

Das datenbasierte Wissen um die Befindlichkeiten der Menschen wird auch dafür sorgen, dass die Grenzen zwischen Krankheit und Gesundheit verschwimmen. Dass Menschen nicht entweder zu 100 Prozent gesund oder krank sind, ist kein neuer Gedanke für die Healthcare der Zukunft. Die breite Datengrundlage ermöglicht es aber, nicht nur vorhandene Krankheiten zu entdecken. Der gesunde Mensch weiß in Zukunft auch viel über Risiken potenzieller Erkrankungen. Das wirft wiederum die Frage auf, wo die Grenze zwischen gesund und krank verläuft. Die WHO definiert Gesundheit als einen Zustand körperlichen, emotionalen, mentalen und sozialen Wohlbefindens, der weit über das Fehlen von Krankheit oder Beschwerden hinausgeht. Ein zukunftsweisendes Verständnis.

Heutige Patienten sind auf die Datensammlung, -auswertung und -interpretation ihres behandelnden Arztes angewiesen. In ihrer Wahrnehmung sind sie von ihm abhängig. Patienten der Zukunft verfügen selbst über die größte Menge an Daten zum eigenen Gesundheitsstatus und haben Zugang zu deren Auswertung und Interpretation. Während beim klassischen Patienten der Blick Richtung Krankheit, Symptom und Defizit geht, richtet sich der Blick des zukünftigen Kunden auf die Gesundheit. Patienten werden zu Gesundheitskunden.

Kunden suchen passende Dienstleister

Gesundheitskunden verändern mit ihrer Haltung den Gesundheitsmarkt. Sie wählen sich den passenden Gesundheitsdienstleister zur Optimierung ihres Gesundheitszustandes. Dessen Attraktivität wird vom Mehrwert abhängen, den er liefern kann. Entscheidend für die erfolgreichen Dienstleister der Healthcare der Zukunft wird sein, die Bedürfnisse potentieller Kunden genau zu kennen. Sie werden analysieren, wie jeder einzelne ihrer Gesundheitskunden „tickt“, welche Bedürfnisse und Erwartungen er hat und wie man am besten kommuniziert.

Im Sinne einer „optimierten“ Gesundheit könnten in der Welt von morgen Technologien auch genutzt werden, um Körperfunktionen zu erweitern oder voll zu erhalten: Die Kontaktlinse blendet bei Bedarf notwendige Informationen ein. Neue Organe entstehen im 3D-Drucker aus den Stammzellen des Patienten. Vielleicht wird es auch völlig normal sein, Organersatz beim Arzt zu bestellen, lange bevor das Erstorgan seinen Dienst quittiert.

Healthcare der Zukunft Michael Carl

Mensch – Maschine Organismen

Die persönliche Interaktion verliert in Zukunft ihre heutige zentrale Rolle. Menschen werden zunehmend erfahren, dass eine Maschine sie schlicht besser versteht. Die Kommunikation mit Maschinen wir genau deshalb überlegen sein können, weil sie klaren Strukturen folgt und eine Vielzahl von Daten und Parametern berücksichtigt. Konsequent weitergedacht, könnten Computer zu persönlichen Assistenzsystemen werden, die im Auftrag ihrer Besitzer Anrufe durchführen, Informationen und Angebote einholen und das in einer Frequenz und Ausdauer, die Menschen nicht möglich wären. Darauf müssen sich Dienstleister in der Healthcare der Zukunft einstellen.

Als Ergebnis wird sich die Art und Weise von Arbeit vollständig wandeln. Wo wir heute über Schnittstellen zwischen Mensch und Maschine reden, betrachten wir in Zukunft Mensch-Maschine Organismen. In lernenden Systemen werden sich Algorithmen als Werkzeug des Menschen emanzipieren. Sie werden zu de facto vollwertigen Teammitgliedern und übernehmen sogar Führungsaufgaben.

Neue Art des Denkens

All diese Veränderungen erfordern eine grundlegend neue Art des Denkens und damit auch einen Wandel der Unternehmenskultur. Um den Möglichkeiten und Fortschreiten der Digitalisierung in der Healthcare der Zukunft gerecht zu werden, müssen wir unsere Vorstellungen von Werten, Qualität und Umgang mit Fehlern grundlegend überdenken. Unsere bisherigen Denkweisen erlauben uns nicht, mit dem exponentiellen Veränderungstempo mitzuhalten. Wir dürfen nicht einfach nur abwarten. Wir müssen handeln, auch wenn wir Kompetenzen überschreiten und gute Vorsätze umgehen. In der Welt von morgen gilt die Maxime: Besser hinterher um Entschuldigung, als vorher um Genehmigung bitten.

SITiG und bitkom fordern eine Bundesagentur digitale Medizin

Es gibt gute Gründe, die Entwicklung zu einer digitalisierten Gesundheitswirtschaft in Deutschland für zu langsam zu halten. Leider gibt es sogar viele gute Gründe dafür. Wer wieder einmal zuschauen darf, wie medizinische Fachkräfte die Patientendaten per Hand in die Datenbank des Krankenhauses überführen, Abschreibefehler inklusive, der hat hier keine Fragen mehr. Das Gerät ist mal wieder außer Betrieb. Mir so widerfahren vor zehn Tagen. Bitkom und SITiG haben nun vorgeschlagen, eine Bundesagentur digitale Medizin zu gründen, um hier für Beschleunigung zu sorgen.

Ein Motor für Gesundheitskommunikation?

Diese Bundesagentur soll, so die Veröffentlichungen der Initiatoren in kurz und lang, Standards entwickeln, um sichere Gesundheitskommunikation zu ermöglichen. Im Deutsch des bitkom: „Eine Bundesagentur für Digitalisierte Medizin kann Rahmenbedingungen für technische und semantische Interoperabilität und zur Umsetzung von Datenschutz- und Datensicherheitsvorgaben schaffen.“ So Achim Berg, bitkom-Präsident. Dies wirke katalytisch, vereine alle Akteure und werde Deutschland zum „Technologie- und Forschungsstandort Nummer Eins“ der Medizin in Europa machen. Es fehle einzig noch die eHealth-Strategie der Bundesregierung, auf die man dies alles aufbauen könne. Ein Schelm, wer an die KI-Strategie der Bundesregierung und ihr fast schon komisch formuliertes Ziel denkt, Künstliche Intelligenz als „Exportschlager“ zu etablieren.

Die Ärztezeitung bringt den Vorstoß von SITiG und bitkom (unfreiwillig?) auf den Punkt: Im Kern geht es beiden Verbänden hier um Kontrolle. Mit dieser Bundesagentur digitale Medizin wollen die eine neue Instanz der zentralen Aufsicht schaffen.

„More Power to the Patient“

Der Vorstoß passt in das Bild einer Zukunft von Healthcare, wie sie von den Verbänden seit langem gefordert wird. Das Ergebnis dieser Forderungen ist bekannt. Der Vorstoß passt auch zum Tenor der „Digital Health“-Konferenz, die der Verband Bitkom in der vorigen Woche in Berlin ausgerichtet hat.“More Power to the Patient“, so der Titel der Konferenz. Die Ergebnisse dieser Konferenz sind hier sehr prägnant zusammengefasst.  Kernergebnis der Keynotes und Beiträge: Es brauche die elektronische Patientenakte. Und wieder: Jede Menge Lösungen für das Objekt Patient. Aber nur wenig Macht für den Nutzer des Systems, nur wenig Entscheidungskompetenz für den Kunden der Gesundheitswirtschaft. Der Mensch wird immer wieder zum Patienten gemacht. Und ein „Patient“ benötigt ganz offensichtlich immer andere, die wissen, was gut für ihn ist. Andere, die für ihn entscheiden, und andere, die seine Versorgung verbessern. Andere, die ihn zum Objekt machen, und andere, die dafür Bundesagenturen gründen.

Zukunft von Healthcare

Noch einmal zum Mitschreiben: Wer seine Außendienstler mit iPads ausstattet, hat seinen Vertrieb noch nicht digitalisiert. Wer eine Schulklasse mit Laptops versorgt, hat noch keinen Beitrag zu digitaler Bildung geleistet. Und wer eine Agentur fordert, die in einem langen Prozess und viel Aufwand Standards zur Interoperabilität von Daten im Zuge der Einführung der elektronischen Gesundheitskarte entwickeln soll, der hat weder die Gesundheitswirtschaft digitalisiert, noch einen nennenswerten Beitrag zur Zukunft von Healthcare geleistet.

Die Healthcare der Zukunft versetzt Menschen in die Lage, ihren Gesundheitszustand und ihr Wohlbefinden zu messen, zu ändern und zu heben – idealerweise über eine natur- oder gottgegebene Marke von 100% hinaus. Hierfür werden Menschen Technologie nutzen: Daten unterschiedlichster Art und Güte, Algorithmen zu deren Auswertung, Datenbanken, Gentechnik, 3D-Druck und dergleichen mehr. Das ist die Tragweite der Digitalisierung der Gesundheit. Wer dies durch eine Bundesagentur unterstützen möchte, sollte eine Agentur auflegen, die – analog zur frisch aufgelegten Digitalagentur der Bundesregierung – Sprunginnovationen finanziell und strukturell fördert. Hierfür besteht – siehe oben – jede Menge Raum. Eine Bundesagentur digitale Medizin, die letztlich dem Geist der Steuerung eines komplexen Systems entspringt, wird genau das Gegenteil erreichen.

 

3D Druck von Organen: State of the Art und Prognose (2)

Die Zukunftstechnologie 3D Druck von Organen. Im ersten Teil standen Dr. Anthony Atala und seine Arbeit am Wake Forest Institute for Regenerative Medicine in Winston-Salem, North Carolina im Vordergrund. Er wird wahrscheinlich der Erste sein, der eine formelle Zulassung für 3D gedruckte Implantate erhalten wird. Einen anderen Schwerpunkt setzt Dr. Gabor Forgacs. Während Dr. Atala danach strebt, Organe 1:1 durch gedruckte Implantate ersetzen zu können, sieht Dr. Forgacs das größere Potenzial im Bereich der Pharmakologie. Ihm geht es darum, individuelles Biomaterial zu drucken, an dem Ärzte die Wirksamkeit und Wirkungsweise von Pharmazeutika testen können. Ein Test am individuellen Körper, aber eben vor der Verordnung der Medikamente für den einzelnen Patienten. Die Vorteile liegen auf der Hand: Risiken sinken, Unverträglichkeiten treten vorab zu Tage, Dosierungen können erprobt werden. Im Ergebnis können Patienten effizienter behandelt werden: günstiger, schonender, wirksamer.

Mit Organovo kann Dr. Forgacs für sich in Anspruch nehmen, das erste kommerzielle Unternehmen im Bereich 3D Druck von Organen gegründet zu haben. Damit war er bereits 2012 Gast im 2b AHEAD ThinkTank. Mit seinem Fokus auf Samples für toxikologische Tests umgeht er zugleich die meisten Hürden der Zulassung. Daneben erwartet er vor allem im Bereich der Prothesen eine Anwendung des 3D Drucks, zugegeben in vielen Bereichen längst Realität. Hörhilfen sind längst in zweistelligen Millionenzahl im Einsatz. Das eigentliche Potenzial von Forgacs´ Ansatz scheint aber ohnehin im Bereich der pharmazeutischen Entwicklung zu liegen. Jeder Tag, um den Technologie die enormen Entwicklungszyklen von neuen Medikamenten verkürzen kann, ist allein monetär enorm wertvoll.

3D Druck von Organen Gabor Forgacs

Use-Cases als Treiber für 3D Druck von Organen

Lohnend ein Blick auf TeVido BioDevices, ein Unternehmen aus Austin, Texas. Im Unterschied zu Atala und Forgacs kommt Gründerin Laura Bosworth nicht von der Technologie her, sondern von einer relevanten Problemstellung. In diesem Fall: Die Rekonstruktion der Brust nach einer Krebserkrankung. Genauer: Die medizinisch korrekte, aber optisch vielfach nicht zufrieden stellende Rekonstruktion. TeVido stellt künstliche Brustwarzen her und setzt dafür die 3D-Druck-Technologie ein, mit natürlicher Optik, dank natürlicher Substanz.

3D Druck von Organen ist insofern ein sicherer Kandidat für eine aussichtsreiche Zukunft: Technologie mit Erfahrung und Potenzial zur Skalierung, dezentrales Knowhow, relevante Use-Cases.

3D-Druck von Organen: State of the Art und Prognose (1)

Der 3D-Druck von Organen erscheint regelmäßig in den Listen mit den wichtigsten Einflussfaktoren für die Healthcare der Zukunft. Zugleich wirkt diese Technologie fast schon wieder alt, so lange sprechen wir schon darüber. Kann das noch Zukunft sein? Nach allem, was wir sehen können: Ohne Abstriche ja. Der 3D-Druck von Organen hat das Potenzial, die Gesundheitsversorgung grundlegend zu verändern. Hier ist greifbar, wie sich das Bild unseres Körpers wandelt. Wo es gestern noch um die Wiederherstellung eines gott- oder naturgegebenen Originalzustands ging, rückt morgen die Verbesserung und Erweiterung der körperlichen Funktionalitäten in den Vordergrund. Wir können mehr. Hier ein kurzer Überblick über die wichtigsten Akteure und deren Roadmap.

Der wahrscheinlich wichtigste Akteur ist Anthony Atala, Chirurg, Urologe und Director of the Wake Forest Institute for Regenerative Medicine in Winston-Salem, North Carolina. Bei meinem jüngsten Besuch im Frühjahr 2018 konnte ich nicht nur eine gedruckte Niere in der Hand halten, Maschinen beim Druck von Blutbahnen, Knochen, Lebern, Herzzellen beobachten. Perspektivisch noch aussichtsreicher ist seine Initiative, die Prozesse zur Herstellung beliebiger Organe zu industrialisieren. Nur die Hälfte seiner insgesamt 500 Mitarbeiter im Labor sind Mediziner. Parallel arbeiten unter anderem Maschinenbauingenieure daran, die Prozesse zuverlässig zu standardisieren, um sie auf diese Weise an vielen Orten anbieten zu können.

Das Prinzip „3D-Druck von Organen“ ist immer gleich und von der Logik her einfach: Wer in der Lage ist, aus Stammzellen eines Menschen Organe zu züchten, kann a) Organe produzieren, wann immer er sie braucht und b) wird vermeiden, dass das Organ vom Körper abgestoßen wird. Risiken sinken und lebenslange Therapien entfallen. Der akute Mangel besonders an Spendernieren wird aufgehoben; der Transport von Transplantaten entfällt ersatzlos. So weit der Konsens.

100% oder mehr?

Unter den Forschern, die diese Technologie entwickeln, gehen die Meinungen bei c) auseinander: Werden wir auch in der Lage sein, die Organe zu verbessern? Wird mein gedrucktes Herz, meine Niere, meine Leber leistungsfähiger sein als die ursprüngliche? Und werden meine Organe zusätzliche Funktionen erhalten, die in der Originalkonfiguration meines Körpers noch nicht vorgesehen waren? Wir sehen, wie sich das Bild unseres Körpers allein angesichts dieser Möglichkeit verändert: Der Funktionsumfang der Organe, die Abstimmung untereinander – alles dies wird zu einer Konfiguration. Der Körper wird zur konfigurierbaren Maschine. Die Geister scheiden sich lediglich daran, ob das Ideal eine möglichst genaue Wiederherstellung der anfänglichen 100% ist – oder eine individuelle und gezielte Abweichung.

Dr. Atala ist der wichtigste Vertreter derer, die auf das 100%-Modell setzen. Zugleich ist er derjenige, der mit seinem Labor einer formellen Zulassung durch die FDA am nächsten ist. Seine Perspektive: Anfang der 20er Jahre werden die ersten Verfahren zum 3D-Druck von Organen zugelassen werden. Zunächst für eher schlichte Strukturen, später dann Schritt für Schritt auch komplexere. Bis Mitte der 40er Jahre wird es in weiten Teilen der Welt normal sein, mit dem Mediziner des Vertrauens mit großer Selbstverständlichkeit über einen Austausch nahezu beliebiger Organe zu sprechen. Er erwartet, die normale Lebenserwartung auf diese Weise auf rund 120 Jahre anheben zu können.

3D-Druck von Organen
Dr. Atala mit einer 3D-gedruckten Niere

Lesen Sie im 2. Teil über die Arbeit des 3D-Druck Pioniers Gabor Forgacs.