Der unmündige Patient hat Feierabend

Die Rollen von Arzt und Patient in der Zukunft: Was gestern noch der unmündige Patient war, hat sich längst gewandelt. Derjenige, der eben noch geduldig und ergeben auf das Urteil des allein kompetenten Experten in Weiß zu warten hatte, gibt sich mit dieser Rolle nicht mehr zufrieden. Oder sollte es zumindest nicht mehr tun. Gegenbeispiele siehe unten.

Steven Joffe von der University of Pennsylvania hat gerade in einem erfreulich differenzierten und klaren Artikel beschrieben, wie die drei Faktoren Patientenrechte, verfügbares Wissen und Direct-to-Consumer-Tests das Arzt-Patienten-Verhältnis nachhaltig verändert haben. Er skizziert, wie der unmündige Patient auf Augenhöhe kommt. Joffes Artikel verdient eine dringende Leseempfehlung. Sie sei hiermit ausgesprochen.

Drei Faktoren
  • Faktor 1: Patientenrechte. Ihre Formulierung hat überhaupt erstmals dazu geführt, den Anspruch der Patienten auf eine eigene Meinung, eine eigene Entscheidung und entsprechende Informationsleistungen des Arztes zu stützen.
  • Faktor 2: Das Internet als stetig stärker sprudelnde Quelle medizinischen Wissens.
  • Faktor 3: Die zunehmende Verfügbarkeit von medizinischen Tests mit wissenschaftlichem Anspruch direkt für Patienten. Diese neue Rolle für Labore mit den damit verbundenen Geschäftsmodellen haben wir bereits verschiedentlich hier und hier diskutiert. Joffe hebt die Wirkung gerade dieser Entwicklung für das gesamte Gesundheitssystem deutlich hervor.

Der Präzision halber: Wir sprechen hier ausschließlich über die Arzt-Patienten-Beziehung niedergelassener Ärzte. Der unmündige Patient des Krankenhauses ist ein zwar ähnliches, aber komplexeres Thema. Dies greife ich bei späterer Gelegenheit auf.

Eine zeitgemäße Rolle des Arztes

Joffe zeigt, wie einerseits immer noch höchst lebendig unser traditionelles Bild der Rollen im Gesundheitswesen ist. Hier der Experte, dessen Urteil zu folgen ist. Dort der empfangende Patient. Andererseits demonstriert Joffe, dass diese Rollen sachlich schon ihre Berechtigung verlieren.

Die zeitgemäße und vorwärts gewandte Rolle von Ärzten ist demzufolge eine dreifache:

  • Der Arzt als Berater und Gesundheitscoach des Patienten,
  • der Gatekeeper für fortgeschrittenes medizinisches Wissen und besondere Testverfahren und
  • schließlich auch der Zugang zu optimalen Follow-up-Services. Also dem medizinisch Notwendigen, wenn auch vielleicht nicht direkt vom Patienten verlangten. Der Arzt ist hier derjenige, der die Konsequenzen einer Krankheit und einer Behandlung überblickt. Der sich aus eigener Initiative für das medizinisch Notwendige stark macht – und der auf diese Weise einen Mehrwert schafft.

So viel zur Gegenwart.

Zweite Meinung bei Yahoo?

Zu dieser Gegenwart gehört allerdings auch dieses Bild aus einer Arztpraxis, das dieser Tage bei Twitter herumgeht und binnen kürzester Zeit tausendfach Zustimmung erfahren hat:

Der unmündige Patient - Dr. Google muss draußen bleiben

Die Reaktion: Mehrere tausend likes, hunderte Kommentare entlang eine Linie „Patienten können derart nervig sein, wenn sie nicht auf die Diagnose des Arztes vertrauen“. Ja, das sind sie, jedenfalls für gefühlte Halb- und Dreiviertelgötter in Weiß. Hat hier ein Arzt Angst vor Patienten, die eigene Verantwortung übernehmen wollen? Jedenfalls hat er Schwierigkeiten mit der Kommasetzung. Aber irgendetwas ist ja immer.

Wer solche Schilder in seiner Praxis aufhängt, spricht seinen Patienten sehr viel mehr ab als allein die Fähigkeit, im Internet gezielt nach Gesundheitsinformationen zu suchen. Mit dem Verweis auf Yahoo mutet der Aushang wie aus dem Jahr 2000 an. Die Geisteshaltung dahinter ist deutlich älter, sie stammt tief aus dem vorigen Jahrhundert.

Gegenfrage: Wer wollte einem Patienten ernsthaft empfehlen, sich ausschließlich auf das Wissen zu verlassen, das ein einzelner Experte binnen weniger Minuten aus seiner Erinnerung reproduziert? Mit einem Rechercheaufwand, begrenzt durch die Zeit, die das Gesundheitssystem eben gerade vergütet.

Eine zukunftsgemäße Rolle des Arztes

Wichtiger noch aus Sicht der Zukunftsforschung ist die Frage, wie wir die Reihe der Trends und Treiber fortsetzen:

Auf Patientenrechte, verfügbares hochqualitatives Wissen und B2C-Testverfahren folgt mindestens

  • Künstliche Intelligenz im Alltagseinsatz bei Arzt und Patient,
  • eine exponentiell in Art und Menge wachsende Datenbasis,
  • große internationale Akteure, die auf den Gesundheitsmarkt drängen und hier eine kompetente Rolle beanspruchen,
  • mehr und mehr: Eine Deutung der Biologie und Medizin als Informationstechnologie.

Auf dieser Grundlage verhandeln wir dann die Rollen zwischen Gesundheitssuchendem (Ex-„Patient“) und kompetentem Begleiter, Unterstützer und Impulsgeber (Ex-„Arzt“). Der unmündige Patient hat Feierabend.

 

Das gesunde Tempo: Alexa vs. Karte

Zwei Meldungen, auf die @medinfode heute hingewiesen hat: Alexa lernt Diagnostik und das Handelsblatt vermeldet einen Durchbruch bei der elektronischen Patientenakte. In der natürlich zufälligen Gegenüberstellung bilden sie ein Lehrstück über die Bedeutung von Geschwindigkeit: Das gesunde Tempo macht die Healthcare der Zukunft.

Doktor Alexa

Meldung eins: Amazon arbeitet daran, dass Alexa an der Stimme des Menschen eventuelle Krankheiten erkennt. Über ähnliche Ansätze hatte ich schon einmal im Zusammenhang mit Beyond Verbal berichtet. Und Amazon ist hier im Blog ohnehin als einer der prägenden Akteure der Healthcare im Blick.  Bereits 2017 hat Amazon das entsprechende Patent auf den Algorithmus angemeldet. Nun wurde dem stattgegeben.  In Kurzfassung: Dass Alexa laufend zuhört, was in der Umgebung der smarten Lautsprecher geschieht, ist bekannt. Mit diesem Entwicklungsschritt geht Amazon dazu über, die Stimmen der Umgebung auf Krankheiten zu scannen: Husten und Schnupfen, aber offenbar auch Depressionen. Von uns Zukunftsforschern lange vorhergesagt, hier wird es Realität: Die Emotion wird selbstverständlicher Bestandteil von Datenerhebung und Datenanalyse.

Der Nutzen für Amazon liegt auf der Hand. Wer das körperliche Empfinden eines Menschen genauer kennt, vermag ihn an entscheidender Stelle persönlich zu adressieren. Wer Husten hört, kann personalisierte Werbung ausspielen. Und mehr noch: Er kann auch Bestellvorschläge machen und Heilprodukte verkaufen. Ganz nebenbei entsteht hier ein geradezu perfekter Usecase für Modelle mit ultrakurzes Lieferzeiten. DocMorris wirbt derzeit flächendeckend für seine Online-Services mit dem Slogan „Wer ins Bett gehört, sollte nicht zur Apotheke gehen müssen“. Diese Logik ist hier schon wieder überholt: Wer den richtigen smarten Speaker hat, muss nicht einmal mehr seine Online-Apotheke bemühen.

Doktor mit Karte

Die andere Erfolgsmeldung – und ja, es handelt sich um eine Erfolgsmeldung: Die wichtigsten Akteure der Selbstverwaltung im Gesundheitswesen haben sich auf ein Grundsatzpapier geeinigt, das uns bis 2021 eine erste Form der elektronischen Gesundheitskarte im Alltagsbetrieb bescheren soll. Das ist a) mehr als in den vergangenen 15 Jahren zustande gebracht wurde. Das ist aber b) eben nur genau das, was es ist: Ein Papier. Abgestimmt ist, was die KVen abarbeiten sollen und was die Gematik.

Die Eckdaten klingen vielversprechend: Die Hoheit über die Daten bleibt beim Patienten. Dass hierin die Zukunft liegt haben wir bei 2b AHEAD bereits 2015 in einer großen Studie prognostiziert. Einheitliche Standards sollen breite Anwendung sichern. Und zumindest der Bundesgesundheitsminister lässt sich bereits mit der Aussage zitieren, die Karte sei ja schließlich nur ein Zugangsweg von potenziell vielen. Entscheidend sei die Netzwerkstruktur im Hintergrund.  Und die Krankenkassen sekundieren: Ein Abweichen sei jetzt nicht mehr ohne Gesichtsverlust möglich. Andererseits: Wer der Beteiligten hat in den Jahren seit 2004 sein Gesicht eigentlich noch nicht verloren? Gestört hat es noch keinen.

Und hier ist der Zusammenhang: Der eine immer wieder unterschätzte Faktor bei Prognosen zur Künstlichen Intelligenz ist deren Lerntempo. Einmal in der Welt beschleunigt sich das Wachstum der Leistungsfähigkeit immer weiter. Voraussetzung: Im System entstehen hinreichend viele Daten. Dass dies gegeben ist, dürfte bei Alexas Marktdurchdringung nicht ernsthaft zur Debatte stehen. Das gesunde Tempo prägt die Prognose. Die einen programmieren Netzwerkstandards, die anderen lassen Algorithmen größte Datenmengen auswerten. Die einen setzen unter Sanktionsandrohung durch, dass Arztpraxen taugliche Lesegeräte anschaffen, die anderen lassen Algorithmen größte Datenmengen auswerten. Die einen hoffen auf das erste erfolgreich abgeschlossene Projekt der Gematik, die anderen lassen Algorithmen größte Datenmengen auswerten.

Wer gewinnt? Eben.

 

Keine Cyborgs! Amazon positioniert sich

Andrew Bosworth, VR-Chef von Amazon, hat seine Sicht auf die Zukunft des Menschen deutlich gemacht: „Wir haben keine Projekte, bei denen es um Implantate geht. Wir bauen keine Cyborgs.“ Menschliche Superkräfte ja, aber keine Cyborgs.
Wie alle großen Tech-Konzerne arbeitet auch Amazon intensiv an Projekten zur Zukunft von Healthcare. Andrew Bosworth betont dabei, wie zentral eine Erweiterung des menschlichen Sehvermögens für ihn ist. Entsprechend hoch ist die Priorität von VR und AR-Technologie. In dem aktuellen Interview kündigt Bosworth eine Brille an, die wir jeden Tag tragen können, um zusätzliche Informationen Dritter zu nutzen. Auch Amazon verschreibt sich also der Erweiterung der menschlichen Fähigkeiten. Diese Erweiterung findet aber außerhalb des Körpers statt. Damit positioniert sich Amazon in der Reihe derer, die eine non-invasive Evolution des Menschen anstreben.
GAFA goes Healthcare
Keine Cyborgs oder eben gerade doch – die großen Techkonzerne arbeiten erkennbar an ihrer Rolle in der Healthcare der Zukunft. Die Schwerpunkte sind dabei durchaus unterschiedlich. Bei Microsoft treibt Health-Chef Simon Kos die Entwicklung in Richtung Vernetzung von Medizin und Pflege. Das Unternehmen strebt nach einer zentralen Rolle in der klassischen Medizin-Branche und darüber hinaus. Die Kernpunkte hat Simon Kos bei seiner Keynote auf dem 2b AHEAD Zukunftskongress in Wolfsburg im Juni 2018 dargelegt. Das Video steht hier bereit.
Simon Kos, Microsoft, and Michael Carl, 2b AHEAD ThinkTank
© www.AndreasLander.de
Bei Apple steht die Entwicklung eigener Technologie stärker im Zentrum. In Cupertino rüstet man personell auf und hat gerade die Funktionalitäten der eigenen Devices gestärkt, allen voran der Apple Watch. Hier wird das ohnehin eher hermetisch geschlossene Ökosystem Stück für Stück weiter ausgebaut, Schwerpunkt Erhebung von Vitaldaten. Ausbaustufe ist die Diagnose.
Google hat demgegenüber schon lange einen Akzent bei der medizinisch-wissenschaftlichen Forschung gesetzt. Das Video mit Andrew Conrad ist legendär, gezielte Zukäufe erweitern das Portfolio.
Elon Musk, wie wohl streng genommen nicht Mitglied der GAFA-Familie, nimmt hier eine bemerkenswerte Rolle ein. Mit einem „Keine Cyborgs“ kann er sichtlich nichts anfangen. Im Gegenteil: Seine Impulse gehen stark in Richtung digitaler Aufrüstung des Menschen. Er betont bei jeder Gelegenheit, dass dies unser einziger Schutz gegen die immer mächtigere künstliche Intelligenz ist. Nur die gezielte Erweiterung des menschlichen Körpers wird uns davor bewahren, zur putzigen Hauskatze der künstlichen Intelligenz zu werden. Die Einzelheiten und den Stand der Entwicklung habe ich im Sommer detailliert in einer Trendanalyse beschrieben, die 2b AHEAD hier veröffentlicht hat.

Healthcare der Zukunft (2/2)

Im Sommer 2018 habe ich bei den Roche-Tagen „Diagnostik im Dialog“ die Keynote gehalten. Im Anschluss habe ich ein paar sehr grundlegende Überlegungen zur Healthcare der Zukunft notiert. Sie sind gerade in einer Veröffentlichung von Roche erschienen. Der erste Teil steht hier; dies ist der zweite Teil des leicht gekürzten Texts.

Vom Patienten zum Gesundheitskunden

Das datenbasierte Wissen um die Befindlichkeiten der Menschen wird auch dafür sorgen, dass die Grenzen zwischen Krankheit und Gesundheit verschwimmen. Dass Menschen nicht entweder zu 100 Prozent gesund oder krank sind, ist kein neuer Gedanke für die Healthcare der Zukunft. Die breite Datengrundlage ermöglicht es aber, nicht nur vorhandene Krankheiten zu entdecken. Der gesunde Mensch weiß in Zukunft auch viel über Risiken potenzieller Erkrankungen. Das wirft wiederum die Frage auf, wo die Grenze zwischen gesund und krank verläuft. Die WHO definiert Gesundheit als einen Zustand körperlichen, emotionalen, mentalen und sozialen Wohlbefindens, der weit über das Fehlen von Krankheit oder Beschwerden hinausgeht. Ein zukunftsweisendes Verständnis.

Heutige Patienten sind auf die Datensammlung, -auswertung und -interpretation ihres behandelnden Arztes angewiesen. In ihrer Wahrnehmung sind sie von ihm abhängig. Patienten der Zukunft verfügen selbst über die größte Menge an Daten zum eigenen Gesundheitsstatus und haben Zugang zu deren Auswertung und Interpretation. Während beim klassischen Patienten der Blick Richtung Krankheit, Symptom und Defizit geht, richtet sich der Blick des zukünftigen Kunden auf die Gesundheit. Patienten werden zu Gesundheitskunden.

Kunden suchen passende Dienstleister

Gesundheitskunden verändern mit ihrer Haltung den Gesundheitsmarkt. Sie wählen sich den passenden Gesundheitsdienstleister zur Optimierung ihres Gesundheitszustandes. Dessen Attraktivität wird vom Mehrwert abhängen, den er liefern kann. Entscheidend für die erfolgreichen Dienstleister der Healthcare der Zukunft wird sein, die Bedürfnisse potentieller Kunden genau zu kennen. Sie werden analysieren, wie jeder einzelne ihrer Gesundheitskunden „tickt“, welche Bedürfnisse und Erwartungen er hat und wie man am besten kommuniziert.

Im Sinne einer „optimierten“ Gesundheit könnten in der Welt von morgen Technologien auch genutzt werden, um Körperfunktionen zu erweitern oder voll zu erhalten: Die Kontaktlinse blendet bei Bedarf notwendige Informationen ein. Neue Organe entstehen im 3D-Drucker aus den Stammzellen des Patienten. Vielleicht wird es auch völlig normal sein, Organersatz beim Arzt zu bestellen, lange bevor das Erstorgan seinen Dienst quittiert.

Healthcare der Zukunft Michael Carl

Mensch – Maschine Organismen

Die persönliche Interaktion verliert in Zukunft ihre heutige zentrale Rolle. Menschen werden zunehmend erfahren, dass eine Maschine sie schlicht besser versteht. Die Kommunikation mit Maschinen wir genau deshalb überlegen sein können, weil sie klaren Strukturen folgt und eine Vielzahl von Daten und Parametern berücksichtigt. Konsequent weitergedacht, könnten Computer zu persönlichen Assistenzsystemen werden, die im Auftrag ihrer Besitzer Anrufe durchführen, Informationen und Angebote einholen und das in einer Frequenz und Ausdauer, die Menschen nicht möglich wären. Darauf müssen sich Dienstleister in der Healthcare der Zukunft einstellen.

Als Ergebnis wird sich die Art und Weise von Arbeit vollständig wandeln. Wo wir heute über Schnittstellen zwischen Mensch und Maschine reden, betrachten wir in Zukunft Mensch-Maschine Organismen. In lernenden Systemen werden sich Algorithmen als Werkzeug des Menschen emanzipieren. Sie werden zu de facto vollwertigen Teammitgliedern und übernehmen sogar Führungsaufgaben.

Neue Art des Denkens

All diese Veränderungen erfordern eine grundlegend neue Art des Denkens und damit auch einen Wandel der Unternehmenskultur. Um den Möglichkeiten und Fortschreiten der Digitalisierung in der Healthcare der Zukunft gerecht zu werden, müssen wir unsere Vorstellungen von Werten, Qualität und Umgang mit Fehlern grundlegend überdenken. Unsere bisherigen Denkweisen erlauben uns nicht, mit dem exponentiellen Veränderungstempo mitzuhalten. Wir dürfen nicht einfach nur abwarten. Wir müssen handeln, auch wenn wir Kompetenzen überschreiten und gute Vorsätze umgehen. In der Welt von morgen gilt die Maxime: Besser hinterher um Entschuldigung, als vorher um Genehmigung bitten.

SITiG und bitkom fordern eine Bundesagentur digitale Medizin

Es gibt gute Gründe, die Entwicklung zu einer digitalisierten Gesundheitswirtschaft in Deutschland für zu langsam zu halten. Leider gibt es sogar viele gute Gründe dafür. Wer wieder einmal zuschauen darf, wie medizinische Fachkräfte die Patientendaten per Hand in die Datenbank des Krankenhauses überführen, Abschreibefehler inklusive, der hat hier keine Fragen mehr. Das Gerät ist mal wieder außer Betrieb. Mir so widerfahren vor zehn Tagen. Bitkom und SITiG haben nun vorgeschlagen, eine Bundesagentur digitale Medizin zu gründen, um hier für Beschleunigung zu sorgen.

Ein Motor für Gesundheitskommunikation?

Diese Bundesagentur soll, so die Veröffentlichungen der Initiatoren in kurz und lang, Standards entwickeln, um sichere Gesundheitskommunikation zu ermöglichen. Im Deutsch des bitkom: „Eine Bundesagentur für Digitalisierte Medizin kann Rahmenbedingungen für technische und semantische Interoperabilität und zur Umsetzung von Datenschutz- und Datensicherheitsvorgaben schaffen.“ So Achim Berg, bitkom-Präsident. Dies wirke katalytisch, vereine alle Akteure und werde Deutschland zum „Technologie- und Forschungsstandort Nummer Eins“ der Medizin in Europa machen. Es fehle einzig noch die eHealth-Strategie der Bundesregierung, auf die man dies alles aufbauen könne. Ein Schelm, wer an die KI-Strategie der Bundesregierung und ihr fast schon komisch formuliertes Ziel denkt, Künstliche Intelligenz als „Exportschlager“ zu etablieren.

Die Ärztezeitung bringt den Vorstoß von SITiG und bitkom (unfreiwillig?) auf den Punkt: Im Kern geht es beiden Verbänden hier um Kontrolle. Mit dieser Bundesagentur digitale Medizin wollen die eine neue Instanz der zentralen Aufsicht schaffen.

„More Power to the Patient“

Der Vorstoß passt in das Bild einer Zukunft von Healthcare, wie sie von den Verbänden seit langem gefordert wird. Das Ergebnis dieser Forderungen ist bekannt. Der Vorstoß passt auch zum Tenor der „Digital Health“-Konferenz, die der Verband Bitkom in der vorigen Woche in Berlin ausgerichtet hat.“More Power to the Patient“, so der Titel der Konferenz. Die Ergebnisse dieser Konferenz sind hier sehr prägnant zusammengefasst.  Kernergebnis der Keynotes und Beiträge: Es brauche die elektronische Patientenakte. Und wieder: Jede Menge Lösungen für das Objekt Patient. Aber nur wenig Macht für den Nutzer des Systems, nur wenig Entscheidungskompetenz für den Kunden der Gesundheitswirtschaft. Der Mensch wird immer wieder zum Patienten gemacht. Und ein „Patient“ benötigt ganz offensichtlich immer andere, die wissen, was gut für ihn ist. Andere, die für ihn entscheiden, und andere, die seine Versorgung verbessern. Andere, die ihn zum Objekt machen, und andere, die dafür Bundesagenturen gründen.

Zukunft von Healthcare

Noch einmal zum Mitschreiben: Wer seine Außendienstler mit iPads ausstattet, hat seinen Vertrieb noch nicht digitalisiert. Wer eine Schulklasse mit Laptops versorgt, hat noch keinen Beitrag zu digitaler Bildung geleistet. Und wer eine Agentur fordert, die in einem langen Prozess und viel Aufwand Standards zur Interoperabilität von Daten im Zuge der Einführung der elektronischen Gesundheitskarte entwickeln soll, der hat weder die Gesundheitswirtschaft digitalisiert, noch einen nennenswerten Beitrag zur Zukunft von Healthcare geleistet.

Die Healthcare der Zukunft versetzt Menschen in die Lage, ihren Gesundheitszustand und ihr Wohlbefinden zu messen, zu ändern und zu heben – idealerweise über eine natur- oder gottgegebene Marke von 100% hinaus. Hierfür werden Menschen Technologie nutzen: Daten unterschiedlichster Art und Güte, Algorithmen zu deren Auswertung, Datenbanken, Gentechnik, 3D-Druck und dergleichen mehr. Das ist die Tragweite der Digitalisierung der Gesundheit. Wer dies durch eine Bundesagentur unterstützen möchte, sollte eine Agentur auflegen, die – analog zur frisch aufgelegten Digitalagentur der Bundesregierung – Sprunginnovationen finanziell und strukturell fördert. Hierfür besteht – siehe oben – jede Menge Raum. Eine Bundesagentur digitale Medizin, die letztlich dem Geist der Steuerung eines komplexen Systems entspringt, wird genau das Gegenteil erreichen.

 

3D Druck von Organen: State of the Art und Prognose (2)

Die Zukunftstechnologie 3D Druck von Organen. Im ersten Teil standen Dr. Anthony Atala und seine Arbeit am Wake Forest Institute for Regenerative Medicine in Winston-Salem, North Carolina im Vordergrund. Er wird wahrscheinlich der Erste sein, der eine formelle Zulassung für 3D gedruckte Implantate erhalten wird. Einen anderen Schwerpunkt setzt Dr. Gabor Forgacs. Während Dr. Atala danach strebt, Organe 1:1 durch gedruckte Implantate ersetzen zu können, sieht Dr. Forgacs das größere Potenzial im Bereich der Pharmakologie. Ihm geht es darum, individuelles Biomaterial zu drucken, an dem Ärzte die Wirksamkeit und Wirkungsweise von Pharmazeutika testen können. Ein Test am individuellen Körper, aber eben vor der Verordnung der Medikamente für den einzelnen Patienten. Die Vorteile liegen auf der Hand: Risiken sinken, Unverträglichkeiten treten vorab zu Tage, Dosierungen können erprobt werden. Im Ergebnis können Patienten effizienter behandelt werden: günstiger, schonender, wirksamer.

Mit Organovo kann Dr. Forgacs für sich in Anspruch nehmen, das erste kommerzielle Unternehmen im Bereich 3D Druck von Organen gegründet zu haben. Damit war er bereits 2012 Gast im 2b AHEAD ThinkTank. Mit seinem Fokus auf Samples für toxikologische Tests umgeht er zugleich die meisten Hürden der Zulassung. Daneben erwartet er vor allem im Bereich der Prothesen eine Anwendung des 3D Drucks, zugegeben in vielen Bereichen längst Realität. Hörhilfen sind längst in zweistelligen Millionenzahl im Einsatz. Das eigentliche Potenzial von Forgacs´ Ansatz scheint aber ohnehin im Bereich der pharmazeutischen Entwicklung zu liegen. Jeder Tag, um den Technologie die enormen Entwicklungszyklen von neuen Medikamenten verkürzen kann, ist allein monetär enorm wertvoll.

3D Druck von Organen Gabor Forgacs

Use-Cases als Treiber für 3D Druck von Organen

Lohnend ein Blick auf TeVido BioDevices, ein Unternehmen aus Austin, Texas. Im Unterschied zu Atala und Forgacs kommt Gründerin Laura Bosworth nicht von der Technologie her, sondern von einer relevanten Problemstellung. In diesem Fall: Die Rekonstruktion der Brust nach einer Krebserkrankung. Genauer: Die medizinisch korrekte, aber optisch vielfach nicht zufrieden stellende Rekonstruktion. TeVido stellt künstliche Brustwarzen her und setzt dafür die 3D-Druck-Technologie ein, mit natürlicher Optik, dank natürlicher Substanz.

3D Druck von Organen ist insofern ein sicherer Kandidat für eine aussichtsreiche Zukunft: Technologie mit Erfahrung und Potenzial zur Skalierung, dezentrales Knowhow, relevante Use-Cases.

3D-Druck von Organen: State of the Art und Prognose (1)

Der 3D-Druck von Organen erscheint regelmäßig in den Listen mit den wichtigsten Einflussfaktoren für die Healthcare der Zukunft. Zugleich wirkt diese Technologie fast schon wieder alt, so lange sprechen wir schon darüber. Kann das noch Zukunft sein? Nach allem, was wir sehen können: Ohne Abstriche ja. Der 3D-Druck von Organen hat das Potenzial, die Gesundheitsversorgung grundlegend zu verändern. Hier ist greifbar, wie sich das Bild unseres Körpers wandelt. Wo es gestern noch um die Wiederherstellung eines gott- oder naturgegebenen Originalzustands ging, rückt morgen die Verbesserung und Erweiterung der körperlichen Funktionalitäten in den Vordergrund. Wir können mehr. Hier ein kurzer Überblick über die wichtigsten Akteure und deren Roadmap.

Der wahrscheinlich wichtigste Akteur ist Anthony Atala, Chirurg, Urologe und Director of the Wake Forest Institute for Regenerative Medicine in Winston-Salem, North Carolina. Bei meinem jüngsten Besuch im Frühjahr 2018 konnte ich nicht nur eine gedruckte Niere in der Hand halten, Maschinen beim Druck von Blutbahnen, Knochen, Lebern, Herzzellen beobachten. Perspektivisch noch aussichtsreicher ist seine Initiative, die Prozesse zur Herstellung beliebiger Organe zu industrialisieren. Nur die Hälfte seiner insgesamt 500 Mitarbeiter im Labor sind Mediziner. Parallel arbeiten unter anderem Maschinenbauingenieure daran, die Prozesse zuverlässig zu standardisieren, um sie auf diese Weise an vielen Orten anbieten zu können.

Das Prinzip „3D-Druck von Organen“ ist immer gleich und von der Logik her einfach: Wer in der Lage ist, aus Stammzellen eines Menschen Organe zu züchten, kann a) Organe produzieren, wann immer er sie braucht und b) wird vermeiden, dass das Organ vom Körper abgestoßen wird. Risiken sinken und lebenslange Therapien entfallen. Der akute Mangel besonders an Spendernieren wird aufgehoben; der Transport von Transplantaten entfällt ersatzlos. So weit der Konsens.

100% oder mehr?

Unter den Forschern, die diese Technologie entwickeln, gehen die Meinungen bei c) auseinander: Werden wir auch in der Lage sein, die Organe zu verbessern? Wird mein gedrucktes Herz, meine Niere, meine Leber leistungsfähiger sein als die ursprüngliche? Und werden meine Organe zusätzliche Funktionen erhalten, die in der Originalkonfiguration meines Körpers noch nicht vorgesehen waren? Wir sehen, wie sich das Bild unseres Körpers allein angesichts dieser Möglichkeit verändert: Der Funktionsumfang der Organe, die Abstimmung untereinander – alles dies wird zu einer Konfiguration. Der Körper wird zur konfigurierbaren Maschine. Die Geister scheiden sich lediglich daran, ob das Ideal eine möglichst genaue Wiederherstellung der anfänglichen 100% ist – oder eine individuelle und gezielte Abweichung.

Dr. Atala ist der wichtigste Vertreter derer, die auf das 100%-Modell setzen. Zugleich ist er derjenige, der mit seinem Labor einer formellen Zulassung durch die FDA am nächsten ist. Seine Perspektive: Anfang der 20er Jahre werden die ersten Verfahren zum 3D-Druck von Organen zugelassen werden. Zunächst für eher schlichte Strukturen, später dann Schritt für Schritt auch komplexere. Bis Mitte der 40er Jahre wird es in weiten Teilen der Welt normal sein, mit dem Mediziner des Vertrauens mit großer Selbstverständlichkeit über einen Austausch nahezu beliebiger Organe zu sprechen. Er erwartet, die normale Lebenserwartung auf diese Weise auf rund 120 Jahre anheben zu können.

3D-Druck von Organen
Dr. Atala mit einer 3D-gedruckten Niere

Lesen Sie im 2. Teil über die Arbeit des 3D-Druck Pioniers Gabor Forgacs.

Der demografische Wandel: Eine gute Nachricht

Der demografische Wandel und Healthcare: Das Kerngeschäft der Krankenversicherung der Zukunft wird es nicht mehr nur sein, Kranke zu heilen. Krankenversicherungen werden Gesunde unterstützen – von der Prävention von Krankheiten bis zur Steigerung von Wohlbefinden und Lebenserwartung. Dies ist das Ergebnis einer aktuellen Trendstudie des 2b AHEAD ThinkTanks. Der demografische Wandel wirkt sich hier direkt aus.

Der demografische Wandel verändert Krankenversicherungen

Die Gesundheitsbranche wird bis zum Jahr 2030 einen beispiellosen Wandel erleben. Mit der Digitalisierung wachsen die Möglichkeiten medizinischer Forschung, Diagnostik, Therapie, Rehabilitation und Prävention mit exponentieller Geschwindigkeit. Diese Effekte zeigen sich nirgends so deutlich wie bei den am stärksten wachsenden Gruppen unserer Gesellschaft:

  • Den Alten, die sich auch im Ruhestand noch nicht alt fühlen,
  • den noch Älteren, die vielfach immer noch ein aktives und tätiges Leben werden führen können, und
  • den sehr Alten, heute noch selten, bald schon eine Alltäglichkeit.
Die gute Nachricht

Die Mehrheit der heutigen Prognosen und Zukunftsstudien thematisieren den demografischen Wandel als Problem und Bedrohung. Natürlich wird er uns vor gesellschaftliche und wirtschaftliche Herausforderungen bislang unbekannten Ausmaßes stellen. Aber sowohl für den Einzelnen wie auch für unser Gemeinwesen markiert der demografische Wandel den größten vorstellbaren Fortschritt: Die erhebliche Verlängerung des eigenen Lebens in Aktivität und Selbstbestimmung. Der demografische Wandel mag eine teure Nachricht, er ist vor allem: eine gute Nachricht.

Menschen, die in diesem Jahrzehnt geboren werden, erreichen realistisch ein Alter von über 100 Jahren. Es ist das Zusammenspiel vier einflussreicher Treiber, welches den Traum vom längeren Leben in greifbare Nähe rückt. Erste Bedingung ist die frei verfügbare Genanalyse. Die zweite Entwicklung betrifft die Züchtung individueller Kopien innerer Organe, die gegebenenfalls gegenüber der Vorgängerversion optimiert sind. Dritte Voraussetzung ist ein umfassendes Verständnis der Alterungsprozesse von Menschen. Das vierte Element ist die Synchronisierung der menschlichen Psyche mit der virtuellen Welt. In allen vier Feldern ist ein Durchbruch der Forschung in den kommenden Jahren wahrscheinlich.

Der Vollständigkeit halber: Es existiert eine begründete Gegenposition hierzu, gerade hier im Blog aufgegriffen. Sie wird vertreten unter anderem durch den Medizinethiker Ezekiel J. Emanuel. Er fürchtet die Verlängerung als Phase der Hilflosigkeit und schwindenden Würde.

Die Steigerung des Wohlbefindens

Ein entscheidender Wandel im Umgang mit menschlicher Gesundheit ist das Verschwinden der binären Annahme, ein Patient sei entweder gesund oder krank. Diese kategorische Unterscheidung war ohnehin immer eine Fiktion. Niemand ist nur krank oder nur gesund. Stattdessen lässt sich – die entsprechende Menge von Daten und deren kontinuierliche Erhebung vorausgesetzt – das individuelle Wohlbefinden messen und auf einer Skala verorten. Damit wandelt sich das Ziel medizinischen Handelns. Stand gestern noch Reparatur und Schadensvermeidung im Vordergrund, ist es morgen die schrittweise Verbesserung des eigenen Wohlbefindens. Was kann ich tun, um mich morgen etwas besser zu fühlen – und wer unterstützt mich dabei? Die aufgeklärten Gesundheitskunden der Zukunft wählen sehr bewusst und mit Unterstützung digitaler Assistenzsysteme den kompetentesten Mediziner für ihre Situation, die passende Versicherung und den vertrauenswürdigen Datenmanager aus ihrem individuellen Gesundheitsnetz aus. Gleichzeitig werden sie es nicht mehr akzeptieren, dass das Zusammenspiel mehrerer Leistungserbringer mit erhöhtem Aufwand für sie verbunden ist.

An die Stelle der immer gleichen Bonushefte von Krankenversicherungen und pauschalen und in Summe ungerichteten gesundheitsfördernden Maßnahmen treten damit in naher Zukunft evidenzbasierte, personalisierte Empfehlungen zur gezielten Vorsorge.

Testfall Robotik in der Pflege

Dies lässt sich sehr deutlich am Aufkommen der Robotik in der Pflege zeigen. Robotik wird im Laufe der 20er Jahre zu einer weit akzeptierten Selbstverständlichkeit. Im Bereich der Demenzpflege gilt dies schon lange. Dass ein Roboter ohne weiteres die Geduld aufbringt, dieselbe Frage, dieselbe Geschichte, dieselbe Erregung immer wieder wie beim ersten Mal anzuhören, erleichtert diese Entwicklung zusätzlich.

Die Entwicklung wird aber nicht auf animierte Stofftiere beschränkt bleiben. Das zeigt das Beispiel Medikamentengabe. Wo heute noch Mitarbeiter des Pflegedienstes per Hand tätig werden müssen, ist das Verfahren aufwendig und fehleranfällig. Eine automatisierte Medikamentenausgabe beim Pflegebedürftigen zuhause ist der nächste Schritt: Die individuelle Umsetzung des Medikationsplans durch einen Pillenroboter. Im nächsten Schritt lernen Roboter, den Gesundheitszustand des Menschen zu analysieren. Per Blutprobe, Luftanalyse, Ernährungstracking, später per Beobachtung der Hauttemperatur, der Bewegungsmuster und durch Stimmanalyse. Die Wirkstoffgabe wird in Echtzeit passend berechnet.

In der nächsten Ausbaustufe ist der Medikationsroboter in der Lage, die individuell angemessenen Wirkstoffe direkt vor Einnahme auf einen Trägerstoff zu drucken. Ist das eine Arbeitserleichterung für den Pflegedienst? Mit großer Sicherheit. Hat diese Entwicklung und damit mittelbar der demografische Wandel das Potenzial, das Wohlbefinden des einzelnen Pflegebedürftigen zu verbessern? Mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit. Das sind die einfachen Fragen. Aber auf wessen Wissen stützt sich der Roboter? Sobald er auf vernetztes medizinisches Wissen zugreifen kann, wird seine fachliche Kompetenz stets höher sein als die des einzelnen Arztes. Der Hausarzt wird vorerst noch zur Ausstellung von Rezepten gebraucht, auch eine Existenzberechtigung. Sein Beruf wird sich nachhaltig verändern, eine These, die Markus Bönig von Vitabook hier gerade bestätigt hat. Der Bezug der Medikamente oder Wirkstoffe muss ohnehin nicht in der Apotheke um die Ecke erfolgen. Hier öffnen sich vollständig neue Geschäftsfelder für neue Akteure.

Smart Home

Ein zusätzlicher Treiber dieser Entwicklung ist die derzeit exponentiell wachsende Vernetzung von Gebäuden, beginnend mit Ambient Assistent Living. Das Smart Home des pflegebedürftigen Menschen ist der erste und kompetenteste Pflegeroboter. Damit spätestens sind auf einmal ganz neue Akteure in der Gesundheitswirtschaft tätig: Netzbetreiber, Immobilienverwalter, Bauunternehmer, Hersteller von Elektronik und Sensorik. Auch dies eine mittelbare Folge des demografischen Wandels.

Krankenversicherungen als Gesundheitsförderer der Zukunft müssen sehr viel früher im Ablauf ansetzen, wodurch sie in der Wahrnehmung der Gesundheitskunden eine sehr viel aktivere und positiver besetzte Position einnehmen werden. Das Gießkannen-Prinzip hat ausgedient. In Zukunft reagieren Gesundheitsförderer nicht erst, wenn Gesundheitskunden krank sind, sondern überwachen kontinuierlich den aktuellen Gesundheitszustand und handeln vor dem Eintreten einer absehbaren Erkrankung. Auch dies: Eine gute Nachricht.

Die Healthcare der Zukunft beginnt zwischen Arzt und Patient (Teil 2)

Ein Gespräch mit Markus Bönig, Gründer und CEO von Vitabook, zur fehlenden Innovation im Gesundheitswesen, zur Healthcare der Zukunft und dem schwierigen Verhältnis von Ärzten und Daten (Teil 2/2).

 

Im ersten Teil des Gesprächs hat Markus Bönig begründet, warum wir den Umgang mit Daten in der Healthcare der Zukunft neu denken sollten. Wir müssen, so seine Einschätzung, den Fokus im Gesundheitsmanagement von den Standard Operation Procederes auf die Standard Information Procederes verlegen. Grundlage für ein intelligentes Datenmanagement ist ein neuer Umgang mit einer großen Menge persönlicher Gesundheitsdaten. Im zweiten Teil des Gesprächs haben wir die Bedeutung von Gesundheitsdaten thematisiert und darüber gesprochen, wie dies die Rollen von Arzt und Patient verändert.

Markus Bönig, Gründer von vitabook, gestaltet die Healthcare der Zukunft

Herr Bönig, ist der Begriff des Patienten für die Healthcare der Zukunft eigentlich noch angemessen?

MB: In gewisser Weise schon. Im Gesundheitswesen ist der Patient am Ende derjenige, der das System ertragen und erdulden muss. Gerade im Verhältnis zum Arzt ist er vielfach noch ganz klassisch Patient.

… und in Zukunft?

MB: Das Arzt-Patienten-Verhältnis steht vor einem grundlegenden Wandel. Patienten werden in immer stärkerer Weise als echtes Gegenüber mit Ihrem Arzt interagieren wollen. Das Grundverhältnis wird uns dabei sicher erhalten bleiben. Das Zentrum des gesamten Gesundheitssystems ist die Arzt-Patienten-Beziehung. Gleichzeitig werden Ärzte aber in Zukunft selbst verstärkt durch Technik unterstützt. In Zukunft wird es selbstverständlich eine künstliche Intelligenz sein, die den Arzt bei Diagnose und Therapievorschlägen unterstützen wird. In der Radiologie ist dies besonders stark bereits zu sehen. Blutproben werden in sehr viel stärkerem Maße zukünftig automatisiert analysiert werden können. Trotz all dieser Entwicklungen wird der Arzt aber auch weiterhin der maßgebliche Akteur sein – gemeinsam mit dem Patienten.

Geben Sie uns eine Einschätzung, wann dies eingetreten sein wird?

MB: In spätestens fünf Jahren werden wir die entscheidenden Durchbrüche beim Einsatz Künstlicher Intelligenz im medizinischen Labor sehen. Ende der 20er Jahre wird sich auch das Arzt-Patienten-Verhältnis insgesamt auf breiter Front verändert haben. Wer heute ein Medizinstudium beginnt, muss wissen: Ich werde einen vollständig veränderten Beruf ausüben.

 

Markus Bönig ist Gründer und CEO von vitabook. vitabook ist die in Deutschland führende Plattform für ein gemeinsames Therapie-Management von Arzt und Patient. Mit DocDraft – dem Therapiekonfigurator des Arztes, lassen sich in dieser Plattform sämtliche Aspekte einer Therapie in Form von Standard Information Procedures (SIP) strukturiert und standardisiert zwischen Arzt und Patient festlegen und austauschen. Die Daten werden stark verschlüsselt und liegen in der Microsoft Cloud Deutschland, hochgesichert in zwei deutschen Telekom-Rechenzentren. Mehr Informationen auf www.vitabook.de

Die Healthcare der Zukunft beginnt zwischen Arzt und Patient (Teil 1)

Ein Gespräch mit Markus Bönig, Gründer und CEO von Vitabook, zur fehlenden Innovation im Gesundheitswesen, zur Healthcare der Zukunft und dem schwierigen Verhältnis von Ärzten und Daten (Teil 1/2).

Markus Bönig, CEO von vitabook, gestaltet die Healthcare der Zukunft

Michael Carl: Wer nichts wird, wird Wirt. Auf die Gesundheitsbranche übertragen: Wem nichts einfällt, der entwickelt eine App für Gesundheitsdaten. Trotzdem sehen wir kaum echte Innovation. Was bremst die Entwicklung in der Gesundheit?

Markus Bönig: Die einrichtungsbezogene Denkweise ist meines Erachtens eine zentrale Innovations-Bremse. Nur mit einer prozessorientierten Denkweise, orientiert an der Patienten-Reise lassen sich echte Innovationen formen. Das Gesundheitswesen ist hier die vorletzte Branche, nur noch gefolgt vom Bildungs-Bereich, die hier noch nicht umgeschaltet hat. Hinzu kommt, dass der erwartete Nutzen von Daten in der Medizin von sehr vielen Akteuren maßlos überschätzt wird. Eine elektronische Akte mit Informationen zum Gesundheitszustand des Patienten ist nicht das Endziel, sondern lediglich eine Voraussetzung für Innovation, mehr nicht.

85% der Kosten im Gesundheitssystem entfallen auf Menschen, die krank sind und es auch bleiben werden, die einen gewissen Gesundheitszustand haben und diesen zumindest verbessern wollen. Über Standards zu sprechen scheint mir hier zumindest zwiespältig zu sein.

MB: Das stimmt. Wir haben im Gesundheitssystem einen grundlegenden Konflikt zwischen Leistungserbringern und Patienten. Der Leistungserbringer muss möglichst standardisiert arbeiten, geradezu industriell. Der Patient fordert dagegen ein hochgradig individuelles Behandlungserlebnis. Das ist kaum lösbar. Nur mit einer digitalen Vernetzung von Arzt und Patient kann dieser Graben sinnvoll überwunden werden. Hier – in dieser Kernbeziehung von Arzt und Patient ist das größte Innovationspotential in der Medizin zu finden.

Obwohl die Medizin mittlerweile dank Leitlinien und Standard Operation Procederes hochgradig standardisiert ist, gibt es hier einen großen Bereich, der nahezu nicht erschlossen ist. Welche Informationen fließen zu welcher Zeit zwischen Arzt und Patient. Wir nennen dies Standard Information Procedures. Eine standardisierte Festlegung, was der Patient wann wissen, messen, tun soll und was der Arzt wann erfahren und dokumentieren soll. Dies fehlt bislang vollständig, der Informationsfluss im Gesundheitswesen ist nahezu komplett dem Zufall überlassen. Die Papier- Aufklärungs- und Anamnesebögen sind da schon die Speerspitze der bisherigen Innovation.

Was sind die praktischen Folgen dieser ungesteuerten Information für die Healthcare der Zukunft?

MB: Konkret: Die vom Arzt vorgeschlagenen Therapien verpuffen häufig in ihrer Wirkung, oder bleiben zumindest weit unter ihren Möglichkeiten. Der Grund dafür ist einfach. Patienten erfahren zu wenig über ihre Situation, verstehen häufig nicht, warum diese Therapie sein muss und haben natürlich Schwierigkeiten, ein komplexes Mediaktions-Regime einzuhalten. Das ist an einigen Kennzahlen sehr schön ablesbar. Jedes fünfte Rezept wird schlicht nicht eingelöst. Ärzte verordnen Jahr für Jahr Medikamente im Wert von 40 Milliarden €. Davon landen zehn Milliarden direkt im Müll und niemand erhält eine Rückmeldung. Könnten wir die Adherence nur ein wenig steigern, würde dies die Kosten des Systems deutlich senken.

 

Lesen Sie im zweiten Teil des Gesprächs zur Healthcare der Zukunft mit Dr. Markus Bönig, wie er die Rolle des Arztes in der Zukunft einschätzt und wann er mit grundlegenden Veränderungen im Gesundheitssystem rechnet.

Markus Bönig ist Gründer und CEO von vitabook. vitabook ist die in Deutschland führende Plattform für ein gemeinsames Therapie-Management von Arzt und Patient. Mit DocDraft – dem Therapiekonfigurator des Arztes, lassen sich in dieser Plattform sämtliche Aspekte einer Therapie in Form von Standard Information Procedures (SIP) strukturiert und standardisiert zwischen Arzt und Patient festlegen und austauschen. Die Daten werden stark verschlüsselt und liegen in der Microsoft Cloud Deutschland, hochgesichert in zwei deutschen Telekom-Rechenzentren. Mehr Informationen auf www.vitabook.de