Drei Fragen – drei Antworten: Dr. Stefan Knupfer, Vorstand der AOK Plus

Das 2b AHEAD-Expertennetzwerk im Dialog. In regelmäßiger Folge formulieren Gesundheitsexperten relevante Fragen zur Zukunft der Gesundheit. Andere Experten aus unserem Netzwerk nehmen dazu Stellung – und stellen wiederum neue Fragen, die an neue Experten gehen. So wächst ein inspirierender Dialog, den wir immer weiter fortschreiben werden.

Heute im Fokus: Dr. Stefan Knupfer von AOK Plus

Dr. Stefan Knupfer, AOK PlusDie Expertenfragen gehen heute an Dr. Stefan Knupfer, stellvertrender Vorsitzender des Vorstandes bei der AOK Plus für Sachsen und Thüringen mit Sitz in Dresden. 2006 wurde Herr Dr. Knupfer zum Bevollmächtigten des Vorstandes ernannt. Mit der Fusion zur AOK PLUS übernahm er die Aufgabe des Geschäftsführers des Unternehmensbereiches Markt. Seit 2011 arbeitete er als Geschäftsführer der Unternehmenseinheit Finanzen/Controlling und Bevollmächtigter des Vorstandes.

Die Zukunft des Solidaritätsprinzips in einer alternden Gesellschaft

Peter Ohnemus, DacadooPeter Ohnemus, Gründer und CEO von Dacadoo: Wie soll das Solidaritätsprinzip in einer Welt finanziert werden können, in der wir durchschnittlich über 85 Jahre alt werden und bald 30% der deutschen Bevölkerung 65+ sein wird?

 

Dr. Stefan Knupfer, AOK PlusDr. Stefan Knupfer, stellvertrender Vorsitzender der AOK Plus: Die dem Solidarprinzip bis heute zugrundeliegende Logik basiert auf der Annahme, dass eine alternde Gesellschaft zugleich eine kränkere Gesellschaft sein muss. Ich glaube dieser Ansatz ist obsolet.

Ist es nicht inzwischen vielmehr so, dass ältere Menschen länger gesund bleiben und gesünder altern? Ist es nicht auch so, dass alternden Menschen heute bessere und auch kostengünstigere Therapien zu Verfügung stehen, als noch vor einigen Jahren?

Die Hauptlast der Gesundheitsausgaben im Leben eines Menschen fällt in den letzten drei Lebensjahren an und ist bei chronisch kranken Menschen signifikant höher als bei nicht chronisch Kranken. Ist es an dieser Stelle also nicht viel sinnvoller, den Fokus auf die Prävention chronischer Erkrankungen zu legen? Ich denke, die digitale Transformation bietet hierbei zahlreiche Chancen, deren Potenzial im Moment bei Weitem noch nicht hinreichend genutzt wird.

Fakt ist, dass sowohl der medizinische Fortschritt aber im Besonderen auch die Digitalisierung mit großen Schritten voranschreiten. Damit einhergehend offenbaren sich zahlreiche bisher noch nicht oder nur unzureichend genutzte Möglichkeiten, die Gesundheitsversorgung anders aber auch effizienter zu gestalten und dabei das Wohl des Einzelnen in einer alternden Gesellschaft nicht aus dem Blick zu verlieren.

Darüber hinaus basiert das gesellschaftliche und wirtschaftliche System in Deutschland derzeit im Wesentlichen auf Privateigentum wobei ein Umverteilungsprinzip bzw. der Ansatz einer Sharing Economy bisher nur wenig zum Tragen kommen. Infolge des demographischen Wandels und zunehmender Individualisierungstendenzen gerät das Solidarprinzip von Gesetzlichen Krankenversicherungen in Schieflage. Dies wird zukünftig den politischen Weg für eine Bürgerversicherung zur Grundversorgung oder eine neuartige Finanzierung des Solidaritätsprinzips durch Steuersubventionierung z. B. aus einer Finanztransaktionssteuer ebnen.

Zukünftig wird Verteilungsgerechtigkeit eine größere Rolle spielen müssen. Gesundheit wird zu einem öffentlichen Gut. Besondere Herausforderungen liegen in der gerechten Verteilung der Gesundheitsressourcen und im gerechten Zugang zur Gesundheitsprävention und -versorgung für alle Menschen, unabhängig von Herkunft und Einkommen. Rationalisierung durch Digitalisierung allein wird nicht ausreichen, um den Kostendruck durch medizinischen Fortschritt und demographischen Wandel zu kompensieren.

Damit wird die Frage nach einer alternativen Systemlogik unumgänglich. In einer auf Verteilungsgerechtigkeit fußenden Sharing Economy hat jeder Mensch die gleichen Zugänge zu medizinisch-technischen Innovationen. Ebenso machen Trends wie beispielsweise der zunehmende „Medizintourismus“ i. S. einer länderübergreifenden Inanspruchnahme medizinischer Leistungen aber auch die zunehmende Bereitschaft zum Teilen von Daten ein grundsätzliches Umdenken erforderlich. Big Data kann aus meiner Sicht eine neue „Währung“ sein und die obsoleten Kausalitätsargumentationen ablösen. So drückt in Zeiten digitaler Transformation ein um die Datenteilungsdimension erweiterter Solidargedanke auch zukünftig den Willen der Menschen aus, füreinander einzustehen.

Experimentelle Medizin für todkranke Patienten

Liz Parrish, BiovivaLiz Parrish, Gründerin und CEO von Bioviva: Glauben Sie, dass todkranke Patienten Zugang zu experimenteller Medizin haben sollten?

 

 

Dr. Stefan Knupfer, AOK PlusDr. Stefan Knupfer, stellvertrender Vorsitzender der AOK Plus: Die experimentelle Medizin stellt in meinen Augen die Basis aller therapeutischen Interventionen dar, denn sie legt mit Proof-of-Principle-Experimenten die Grundlage für weiterführende klinische Studien.

Experimentelle Medizin ermöglicht es, menschliche Krankheiten, also beispielsweise deren Ursprung, deren Pathogenese sowie deren Auswirkungen für den Organismus überhaupt zu verstehen und aus diesem Verständnis heraus neue wirksame Therapien verschiedenster Natur zu entwickeln. Experimentelle Medizin bedeutet in der Regel Grundlagenforschung – natürlich mit dem Ziel, praktisches therapeutisches Handeln am Krankenbett zu verbessern.

Bis die Erkenntnisse experimenteller Medizin jedoch tatsächlich am Krankenbett zur Verfügung stehen, vergeht oftmals viel Zeit – Zeit, die ein sterbenskranker Mensch unter Umständen nicht mehr hat. Ein solch sterbenskranker Mensch, der in voller Kenntnis und in vollem Bewusstsein seiner Situation ist, und sich aus freien Stücken dafür entscheidet, sollte aus meiner Sicht Zugang zu experimenteller Medizin – also zu medizinischen Interventionen, welche noch nicht vollumfänglich evidenzbasiert für die Gesundheitsversorgung zugelassen sind – haben.

Der entscheidende Punkt ist jedoch, dass sterbenskranke Menschen oftmals nicht mehr fähig sind, eine solche Entscheidung vollen Bewusstseins und voller Willenskraft selbst zu treffen. Hier sehe ich eine ethische grundlegende Frage unserer Gesellschaft, die dringend eines offenen Diskurses bedarf: Wie gehen wir mit den fortschreitenden medizinischen Möglichkeiten um, über die wir inzwischen verfügen, um sterbenskranke Menschen künstlich am Leben zu erhalten? Dürfen Personen des Vertrauens für sterbenskranke Angehörige sprechen, also in deren (mutmaßlichem) Willen handeln, wenn es darum geht, experimentelle Medizin als ultima ratio zu wählen oder gar, um den todkranken Menschen für weiterführende Grundlagenforschung verfügbar zu machen?

Hierzu gibt es bisher keinen gesellschaftlichen Konsens, keinen von allen Menschen getragenen „modus operandi“. Insofern verbietet sich derzeit also eine generalistische Antwort auf die wohl stets individuell zu beantwortende Frage des Zugangs zu experimenteller Medizin für sterbenskranke Menschen.

Der Arzt als „gesundheitlicher Seelsorger“

Frieder Hänisch, Limbach GruppeFrieder Hänisch, Business Development, Limbach Gruppe: Ist die wesentliche Rolle des Arztes in Zukunft weiterhin der „gesundheitliche Seelsorger“, welcher die Therapieentscheidung herbeiführt und gegenüber technischen Diensten (beispielsweise ADA-App) einen Kompetenzvorsprung hat, oder wird er lediglich als juristische Person für Haftungsfragen im Gesundheitswesen benötigt?

Dr. Stefan Knupfer, AOK PlusDr. Stefan Knupfer, stellvertrender Vorsitzender der AOK Plus: Als Einstieg eine Gegenfrage: Ist der Arzt heute wirklich ein „gesundheitlicher Seelsorger“? Ist er nicht vielmehr ein recht rationaler „Erfasser des Gesundheitszustands“ und ein Therapeut von oftmals nur Symptomen, nicht jedoch von systemischen und dazu noch dynamischen Zuständen – denn schließlich sind Krankheit und Gesundheit keine statischen Entitäten?

Die sogenannte „sprechende Medizin“, die hohe Anforderung an soziale Kompetenzen des Mediziners stellt, ist in den vergangenen Jahrzehnten tatsächlich immer mehr in den Hintergrund der ärztlichen Tätigkeit getreten. Ich glaube jedoch, dass sich dieser Trend wieder in Richtung einer Rückbesinnung auf die – nennen wir sie doch – „seelsorgerischen“ Kompetenzen entwickeln wird. Soziale Kompetenzen, ein hohes Maß an Empathie und die Fähigkeit, andere Menschen zu beraten, vielleicht sogar zu coachen werden die Rolle des Arztes in Zukunft maßgeblich ausmachen.

Gleichermaßen wird von Ärzten in Zukunft ein viel größeres Verständnis im Umgang mit digitalen Anwendungen verlangt werden, denn diese werden die Arbeit von Ärzten am Patienten zukünftig in viel höherem Maße unterstützen. Die Rolle des Arztes wird sich zwischen dem Arzt als „Life Scientist“ und dem Arzt als „Mental Scientist“ bewegen. Die Informationsasymmetrie zwischen Arzt und Patient nimmt immer mehr ab, was bedeutet, das mündige und gut informierte Patienten in Zukunft für ihre jeweilige Gesundheitssituation die bestmöglichen Angebote von einem Arzt erwarten.

Die Rolle des Arztes wird sein, gemeinsam mit seinem Patienten und mit digitaler Unterstützung jeweils die beste Form der Prävention, Diagnostik oder auch der Therapie zu finden.

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