Drei Fragen – drei Antworten: Frieder Hänisch, Limbach Gruppe

Das 2b AHEAD-Expertennetzwerk im Dialog. In regelmäßiger Folge formulieren Gesundheitsexperten relevante Fragen zur Zukunft der Gesundheit. Andere Experten aus unserem Netzwerk nehmen dazu Stellung – und stellen wiederum neue Fragen, die an neue Experten gehen. So wächst ein inspirierender Dialog, den wir immer weiter fortschreiben werden.

Heute im Fokus: Frieder Hänisch von der Limbach Gruppe

Die Expertenfragen gehen heute an Frieder Hänisch, Projektmanager Business Development bei der Limbach Gruppe mit Sitz in Heidelberg.  Die Limbach Gruppe ist als Zusammenschluss unabhängiger Labore entstanden und bildet die größte inhabergeführte Laborgruppe Deutschlands.

Asymmetrie des Wissens

Peter Ohnemus, DacadooPeter Ohnemus, Gründer und CEO von Dacadoo: DNA Testing wird immer leistungsstärker und günstiger. Wie wollen wir diese Asymmetrie zwischen dem Kunden und der Krankenkassen in Zukunft regeln? Der Kunde kann alles über sein Krankheitsbild wissen und die Krankenkassen müssen einfach «blind» zahlen?

Frieder Hänisch, Limbach GruppeFrieder Hänisch, Business Development, Limbach Gruppe: Es gibt zwei Szenarien, bei der eine Genomsequenzierung für den einzelnen erfahrbar zum Einsatz kommt: Die diagnostische Sequenzierung aufgrund eines Erkrankungsfalles oder die Sequenzierung im Auftrag eines Kunden für Selbstzahler.

Im Falle einer Erkrankung ist die Genomsequenzierung bei einer Auswahl von Krankheitsbildern zur Therapieentscheidung indiziert. Bei der sogenannten Companion Diagnostic wird auf Basis des individuellen Genoms das wirksamste Medikament ausgewählt. Prominente Beispiele sind onkologische Erkrankungen wie Brustkrebs. Hier hat die Medizin gelernt, dass die ursprünglich entwickelten Medikamente bei einem Teil der Patienten unwirksam sind, da der Wirkmechanismus des Medikamentes die Zell-Rezeptoren nicht interagieren kann. Im Jahr 2017 gab es allerdings nur 14 Krankheitsentitäten, bei der ein solches Verfahren sinnvoll eingesetzt werden kann.

In diesem Szenario besteht aus meiner Sicht keine Asymmetrie. Sowohl Patient als auch die Krankenkasse haben in hohem Maß ein Interesse an der schnellen, zielführenden und damit auch kostengünstigsten Therapie.

Im Falle eines gesunden Betragszahlers ist die Kenntnis über die Genom-Information von beiden Seiten zu betrachten: A) der Krankenkasse liegt die Information vor, dem Beitragszahler aber nicht, und im entgegengesetzten Fall B) liegt die Genominforamtion dem Beitragszahler vor, der Krankenkasse aber nicht.

A) Die Krankenkasse entspricht im Geschäftsmodell einer Versicherung. Sie hat dadurch immer ein Interesse, individuelle Erkrankungsrisiken und deren Eintrittswahrscheinlichkeiten zu kennen, um das Geschäftsmodell über die Beitragssätze zu steuern. Im Extremfall bedeutet das die Beitragsermessung auf Basis des einzelnen Genoms. Sofern es die Gesellschaft über ethische Normen und Gesetzgebung nicht blockiert, ist das beschriebene Vorgehen zukünftig wahrscheinlich.

Einschränkend sollte erwähnt werden, dass das Genom nur Aussagen über die Eintrittswahrscheinlichkeit für eine Auswahl von Erkrankungen zulässt. Aus meiner Sicht ist die Kenntnis über den Internet-Browserverlauf eines Krankenkassenmitgliedes um ein vielfaches aussagekräftiger für die Bildung von Risikomodellen als die genetische Information.

B) Die aktuellen kommerziellen Angebote zur Genomsequenzierung wie „23andMe“ (Genomsequenzierungsservice für 99 USD, Stand November 2018) oder MyHeritage stellen sich eher als Lifestyle-Produkt für Enthusiasten und Ahnenforscher dar. Im Kern steht noch eine andere Frage im Vordergrund: Kommt ein psychologischer Faktor zum Tragen, wenn die private Genomanalyse eine Erkrankungswahrscheinlichkeit für schwere Erkrankungen liefert, welche erst in der mittleren Lebensphase auftreten kann? Chorea Huntington beispielsweise bricht erst um das 40. Lebensjahr aus. Durch Kenntnis einer Prädisposition steigt die psychologische Belastung möglicherweise enorm an. Das Recht des Wissens steht dem Recht auf ein bewusstes Nichtwissen gegenüber.

Ich würde nicht von einem „Blind zahlen“ der Krankenkassen sprechen. Eine Zahlung erfolgt im Erkrankungsfall, nicht im Falle der Wahrscheinlichkeit einer künftigen Erkrankung. Weiterhin fallen im Durchschnitt 80% der individuellen Gesundheitskosten durch die intensiv-medizinische Versorgung ganz am Lebensende an (etwa letzte zwei Jahre des Lebens). Aus dieser Tatsache heraus halte ich den Informationsvorsprung eines einzelnen durch Kenntnis seiner Erbinformation für vernachlässigbar für das Gesundheitssystem.

Personalisierung vs. Datenschutz

Arkadiusz Miernik, Universität FreiburgArkadius Miernik, Professor an der Universität Freiburg: Wie wird die weitere Entwicklung von datenbasierten, personalisierten Behandlungsansätzen möglich, wenn die Auflagen auf den Datenschutz immer strenger werden?

 

Frieder Hänisch, Limbach GruppeFrieder Hänisch, Business Development, Limbach Gruppe: Vielen Dank für diese sehr aktuelle und wichtige Frage. Es ist gleichzeitig eine vielschichtige Frage.

Schon heute, noch ohne personalisierte Behandlungsansätze, steht die Pharma-Forschung vor der großen Herausforderung, das ideale Patientenkollektiv zu identifizieren und in die späteren Phasen der klinischen Studien einzuschließen. Da die statistische Effektstärke des neuen Behandlungsansatzes jene der bisher eingesetzten Behandlung übertreffen muss, wird die Wahl des Studienkollektives per se immer schwieriger. Die fundamentale Hürde liegt also beim Studiendesign und erst viel später beim Datenschutz.

Der Datenschutz wird relevant, wenn möglichst große Daten-Pools über einen längeren Zeitraum erstellt und dann ausgewertet werden sollen. Also alle Studien, welche einen Big-Data-Ansatz nutzen. Von der wissenschaftlichen Seite bin ich da beim Nutzen etwas skeptisch. Mehr Daten bedeutet nicht zwangsläufig bessere Daten. Für mich steht hier eher die Frage nach dem minimalen Datensatz im Vordergrund, der zur Beantwortung der Fragestellung erforderlich sein muss.

Als Lösungsansatz sehe ich perspektivisch den Einsatz von neuen Technologien wie der Blockchain-Technologie. Sie bietet die Möglichkeit einer validierten und lückenlosen Dokumentation der genutzten Daten (smart contracts). Diese Technologie ermöglicht es beispielsweise, persönliche Daten von Studienteilnehmern mit einem Token zu verknüpfen. Jede Nutzung der Daten im Sinne einer Analyse sollte hierbei eine nachverfolgbare Transaktion generieren. Dem Datenbesitzer gibt es somit die Möglichkeit, die Nutzung seiner Daten zu steuern und die Entscheidungshoheit ähnlich wie beim Urheberrecht zu behalten. Etwas weitergedacht können hierbei auch neue Zahlungsmodelle für die Nutzung persönlicher Gesundheitsdaten entstehen. Der Studienteilnehmer hinterlegt die Daten anonymisiert und bei einer Nutzungsanfrage seitens einer Studie kann er die Transaktion freigeben, gegebenenfalls sogar gegen eine Nutzungsgebühr.

Leider existiert meines Wissens nach heute noch keine Implementierung dieser Technologie, sodass sich dieses Gedankenexperiment erst noch in der Realität beweisen muss.

Zusammenspiel des Körperlichen und Mentalen

Florina Speth, 2b AHEADFlorina Speth, Senior Researcher, 2b AHEAD ThinkTank: Das Zusammenspiel unseres mentalen und unseres körperlichen Zustandes wird in der westlichen Medizinwelt oftmals noch ausgeblendet. Wie wird sich dies in Zukunft entwickeln?

 

Frieder Hänisch, Limbach GruppeFrieder Hänisch, Business Development, Limbach Gruppe: Entgegen der körperlichen Erkrankungen, welche sehr gut molekular beschrieben und verstanden sind, sind die Geisteskrankheiten vorwiegend phänotypisch charakterisiert. Ähnliche Symptome werden als ähnliche Erkrankung interpretiert. Da im Bereich der Geisteskrankheiten Symptomausprägung und Intervalle der Krankheitsphasen sehr breit gefächert sind, führt diese Grundannahme möglicherweise zu einer irreführenden Klassifikation von Krankheitsbildern. Besser wäre eine Klassifikation nach dem molekularen Profil. Als Analogie seien hier die Neu-Klassifizierung von Bakterien genannt, die auf Erkenntnissen der Genomanalyse beruhen.

Weiterhin ist die Diagnose von Geisteskrankheiten im Wesentlichen abhängig von standardisierten Fragebögen, bei denen die Eigenwahrnehmung der Patienten zur Diagnose beiträgt und zum anderen auf der subjektiven Erfahrung des Psychologen beruht. Biomarker zur Diagnose sind zwar in der Forschung, eine Marktakzeptanz konnten sie bisher nicht erlangen.

Die Weiterentwicklung dieses Wissenschaftsfeldes ist aber klar erkennbar und so nimmt das  Standard-Werk zur Klassifikation von Geisteskrankheiten „Diagnostischer und statistischer Leitfaden psychischer Störungen“ (DSM-V) zunehmend Bezug auf das molekulare Grundgeschehen.

Neurodegenerative Erkrankungen – wie beispielsweise die Alzheimer-Demenz – sind Erkrankungen des Alters. Weltweit ist die Lebenserwartung zwischen 1960 und 2010 von 50 Jahren auf über 65 Jahre gestiegen. Diese Zunahme um 15 Jahre hat diese Krankheitsbilder demaskiert. Sie waren schon immer da, aber ihr Symptombild war kaum relevant, da andere Erkrankungen schon vorher zum Tod geführt haben.

Diese schulmedizinischen Beispiele zeigen ein sich entwickelndes Verständnis für die mentalen Beeinträchtigungen auch in der westlichen Welt. Bezugnehmend auf Ihre Eingangsfrage kann ich keine guten Gründe nennen, die in der westlichen Medizinlehre für diese starke körperliche Fokussierung sprechen. In Asien liegt diese Verbindung von Körper und Seele meiner Einschätzung nach auch im der religiös gefärbten Weltanschauung begründet. In Japan wird jedem Objekt eine Seele zugesprochen, das ist ein völlig anderes Grundverständnis als unsere westliche Unterteilung in organische/ belebte und anorganische Substanzen.

 

Drei Fragen – drei Antworten: Bioviva

Ein neues Format startet hier auf dem Blog: Das 2b AHEAD-Expertennetzwerk im Dialog. In regelmäßiger Folge formulieren Gesundheitsexperten relevante Fragen zur Zukunft der Gesundheit. Andere Experten aus unserem Netzwerk nehmen dazu Stellung – und stellen wiederum neue Fragen, die an neue Experten gehen. So wächst ein inspirierender Dialog, den wir immer weiter fortschreiben werden. Sie möchten Teil davon werden? Kurze Mail an mich oder Kommentar hier genügt.

Heute im Fokus: Liz Parish und Avi Roy von Bioviva

Die Expertenfragen gehen heute an Liz Parrish, Gründerin und CEO von Bioviva, sowie an Avi Roy, CTO bei Bioviva. Bioviva zählt zu den Vorreitern der Telomerase – oder, um es vom Ergebnis her zu beschreiben: Bioviva arbeitet daran, das menschliche Leben durch einen Eingriff in den genetischen Code zu verlängern. Erheblich zu verlängern. Im Zentrum der Forschung von Bioviva stehen dabei die Alterungsprozesse einzelner Zellen. Parrish, Roy & Team zählen zu den wichtigen Treibern der Longevity-Bewegung.

Erfolgsbasierte Medizin

Peter Ohnemus, DacadooPeter Ohnemus, Gründer und CEO von Dacadoo: Mit digitaler Gesundheit ist der Nachweis für positive Outcomes der Medikamente voll dokumentierbar. Ab wann wollen wir ein 100% outcome-basierendes Gesundheitssystem gestalten?

 

Liz Parrish, BiovivaLiz Parrish, Gründerin und CEO von Bioviva: Wir haben keine Beweise, die die Behauptung stützen, dass die „digitale Gesundheit“ absolut positive (oder negative) Ergebnisse für Arzneimittelstudien nachweisen kann. Die meisten molekularen und physiologischen Biomarker sind schwer digital zu messen, ohne ein fortschrittliches Labor für molekulare Pathologie zu haben. Aber trotzdem ist Ihre Frage nach dem ergebnisorientierten Gesundheitssystem gerechtfertigt. Derzeit bewertet das National Institute for Health and Care Excellence (NICE) im Vereinigten Königreich die Auswahl der Patienten zur Verfügung stehenden Medikamente. Grundlage dieser multifaktoriellen Bewertung sind die Kosteneffizienz, die mit Entscheidungen verbundenen Opportunitätskosten und die Auswirkungen der Behandlungsoption auf die qualitätskorrigierten Lebensjahre (QALY). QALYs und behinderungsbereinigte Lebensjahre (DALYs) sind die wichtigste ergebnisorientierte Methode, um die Wirksamkeit einer Behandlung in einem Gesundheitssystem zu testen. Obwohl fehlerhaft, gilt dies derzeit von Gesundheitsökonomen und Politikern als der Goldstandard. Zusammenfassend lässt sich sagen, dass alle Länder, die sich ein funktionierendes Gesundheitssystem leisten können, versuchen, die Wirksamkeit von Behandlungen anhand von Ergebnissen zu bewerten, aber die biomedizinische Wissenschaft muss sie mit besseren Biomarkern versorgen als QALY und DALY.

Wem gilt unser Vertrauen?

Arkadiusz Miernik, Universität FreiburgArkadius Miernik, Professor an der Universität Freiburg: Sollen wir in Zukunft den großen Pharmaunternehmen oder lieber Biohackern vertrauen?

 

Liz Parrish 2, BiovivaLiz Parrish: Wir halten es für töricht, einer Organisation oder einem System blind zu vertrauen. Bei BioViva gefällt uns das russische Sprichwort, das von Präsident Ronald Reagan mehrfach verwendet wurde: „Vertrauen, aber überprüfen“. Um dies zu konkretisieren, bauen wir eine standardisierte Bioinformatik-Testplattform auf, die die Wirksamkeit von Anti-Aging-Behandlungen testen wird, unabhängig davon, ob sie von großen Pharmaunternehmen, kleinen Biotech-Startups oder gar Biohackern hergestellt werden.

Konsequenzen für das Immunsystem

Florina Speth, 2b AHEADFlorina Speth, Senior Researcher beim 2b AHEAD ThinkTank: Wie reagiert unser Immunsystem, wenn wir Erkrankungen kontinuierlich und dauerhaft vorbeugen?

 

Avi Roy, BiovivaAvi Roy, CTO Bioviva: Frau Dr. Speth, ich bin mir nicht ganz sicher, ob ich Ihre Frage richtig verstehe, aber ich werde versuchen, sie zu beantworten. In der biogerontologischen Forschung und bei bioviva versuchen wir, den menschlichen Körper und seine Organe und Gewebe auf zellulärer Ebene zu verjüngen. Unsere Forschung und Therapie zielt auf die Merkmale der zellulären Alterung ab, die genomische Instabilität, Telomerabtragung, epigenetische Veränderung, Verlust von Proteostase, deregulierte Nährstoffsensorik, mitochondriale Dysfunktion, zelluläre Seneszenz, Stammzellerschöpfung und veränderte interzelluläre Kommunikation umfassen. Diese Prozesse finden in jedem Zelltyp im menschlichen Körper statt. Wenn wir an die Behandlung einer Krankheit denken, denken wir nicht unbedingt an Herz-Kreislauf-Erkrankungen oder Demenz, sondern zielen auf diese grundlegenden zellulären Prozesse, die im Laufe der Zeit schief gehen. Daher werden Immunsystemzellen durch diese Anti-Aging-Behandlungen positiv beeinflusst und würden zu positiven Ergebnissen führen. Wir stellen uns eine Zukunft vor, in der wir lebende Zellen verjüngen, alternde oder krebserregende Zellen abtöten und neue funktionelle Zellen aus Stammzellen herstellen können.