Der unmündige Patient hat Feierabend

Die Rollen von Arzt und Patient in der Zukunft: Was gestern noch der unmündige Patient war, hat sich längst gewandelt. Derjenige, der eben noch geduldig und ergeben auf das Urteil des allein kompetenten Experten in Weiß zu warten hatte, gibt sich mit dieser Rolle nicht mehr zufrieden. Oder sollte es zumindest nicht mehr tun. Gegenbeispiele siehe unten.

Steven Joffe von der University of Pennsylvania hat gerade in einem erfreulich differenzierten und klaren Artikel beschrieben, wie die drei Faktoren Patientenrechte, verfügbares Wissen und Direct-to-Consumer-Tests das Arzt-Patienten-Verhältnis nachhaltig verändert haben. Er skizziert, wie der unmündige Patient auf Augenhöhe kommt. Joffes Artikel verdient eine dringende Leseempfehlung. Sie sei hiermit ausgesprochen.

Drei Faktoren
  • Faktor 1: Patientenrechte. Ihre Formulierung hat überhaupt erstmals dazu geführt, den Anspruch der Patienten auf eine eigene Meinung, eine eigene Entscheidung und entsprechende Informationsleistungen des Arztes zu stützen.
  • Faktor 2: Das Internet als stetig stärker sprudelnde Quelle medizinischen Wissens.
  • Faktor 3: Die zunehmende Verfügbarkeit von medizinischen Tests mit wissenschaftlichem Anspruch direkt für Patienten. Diese neue Rolle für Labore mit den damit verbundenen Geschäftsmodellen haben wir bereits verschiedentlich hier und hier diskutiert. Joffe hebt die Wirkung gerade dieser Entwicklung für das gesamte Gesundheitssystem deutlich hervor.

Der Präzision halber: Wir sprechen hier ausschließlich über die Arzt-Patienten-Beziehung niedergelassener Ärzte. Der unmündige Patient des Krankenhauses ist ein zwar ähnliches, aber komplexeres Thema. Dies greife ich bei späterer Gelegenheit auf.

Eine zeitgemäße Rolle des Arztes

Joffe zeigt, wie einerseits immer noch höchst lebendig unser traditionelles Bild der Rollen im Gesundheitswesen ist. Hier der Experte, dessen Urteil zu folgen ist. Dort der empfangende Patient. Andererseits demonstriert Joffe, dass diese Rollen sachlich schon ihre Berechtigung verlieren.

Die zeitgemäße und vorwärts gewandte Rolle von Ärzten ist demzufolge eine dreifache:

  • Der Arzt als Berater und Gesundheitscoach des Patienten,
  • der Gatekeeper für fortgeschrittenes medizinisches Wissen und besondere Testverfahren und
  • schließlich auch der Zugang zu optimalen Follow-up-Services. Also dem medizinisch Notwendigen, wenn auch vielleicht nicht direkt vom Patienten verlangten. Der Arzt ist hier derjenige, der die Konsequenzen einer Krankheit und einer Behandlung überblickt. Der sich aus eigener Initiative für das medizinisch Notwendige stark macht – und der auf diese Weise einen Mehrwert schafft.

So viel zur Gegenwart.

Zweite Meinung bei Yahoo?

Zu dieser Gegenwart gehört allerdings auch dieses Bild aus einer Arztpraxis, das dieser Tage bei Twitter herumgeht und binnen kürzester Zeit tausendfach Zustimmung erfahren hat:

Der unmündige Patient - Dr. Google muss draußen bleiben

Die Reaktion: Mehrere tausend likes, hunderte Kommentare entlang eine Linie „Patienten können derart nervig sein, wenn sie nicht auf die Diagnose des Arztes vertrauen“. Ja, das sind sie, jedenfalls für gefühlte Halb- und Dreiviertelgötter in Weiß. Hat hier ein Arzt Angst vor Patienten, die eigene Verantwortung übernehmen wollen? Jedenfalls hat er Schwierigkeiten mit der Kommasetzung. Aber irgendetwas ist ja immer.

Wer solche Schilder in seiner Praxis aufhängt, spricht seinen Patienten sehr viel mehr ab als allein die Fähigkeit, im Internet gezielt nach Gesundheitsinformationen zu suchen. Mit dem Verweis auf Yahoo mutet der Aushang wie aus dem Jahr 2000 an. Die Geisteshaltung dahinter ist deutlich älter, sie stammt tief aus dem vorigen Jahrhundert.

Gegenfrage: Wer wollte einem Patienten ernsthaft empfehlen, sich ausschließlich auf das Wissen zu verlassen, das ein einzelner Experte binnen weniger Minuten aus seiner Erinnerung reproduziert? Mit einem Rechercheaufwand, begrenzt durch die Zeit, die das Gesundheitssystem eben gerade vergütet.

Eine zukunftsgemäße Rolle des Arztes

Wichtiger noch aus Sicht der Zukunftsforschung ist die Frage, wie wir die Reihe der Trends und Treiber fortsetzen:

Auf Patientenrechte, verfügbares hochqualitatives Wissen und B2C-Testverfahren folgt mindestens

  • Künstliche Intelligenz im Alltagseinsatz bei Arzt und Patient,
  • eine exponentiell in Art und Menge wachsende Datenbasis,
  • große internationale Akteure, die auf den Gesundheitsmarkt drängen und hier eine kompetente Rolle beanspruchen,
  • mehr und mehr: Eine Deutung der Biologie und Medizin als Informationstechnologie.

Auf dieser Grundlage verhandeln wir dann die Rollen zwischen Gesundheitssuchendem (Ex-„Patient“) und kompetentem Begleiter, Unterstützer und Impulsgeber (Ex-„Arzt“). Der unmündige Patient hat Feierabend.

 

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