Healthcare der Zukunft (2/2)

Im Sommer 2018 habe ich bei den Roche-Tagen „Diagnostik im Dialog“ die Keynote gehalten. Im Anschluss habe ich ein paar sehr grundlegende Überlegungen zur Healthcare der Zukunft notiert. Sie sind gerade in einer Veröffentlichung von Roche erschienen. Der erste Teil steht hier; dies ist der zweite Teil des leicht gekürzten Texts.

Vom Patienten zum Gesundheitskunden

Das datenbasierte Wissen um die Befindlichkeiten der Menschen wird auch dafür sorgen, dass die Grenzen zwischen Krankheit und Gesundheit verschwimmen. Dass Menschen nicht entweder zu 100 Prozent gesund oder krank sind, ist kein neuer Gedanke für die Healthcare der Zukunft. Die breite Datengrundlage ermöglicht es aber, nicht nur vorhandene Krankheiten zu entdecken. Der gesunde Mensch weiß in Zukunft auch viel über Risiken potenzieller Erkrankungen. Das wirft wiederum die Frage auf, wo die Grenze zwischen gesund und krank verläuft. Die WHO definiert Gesundheit als einen Zustand körperlichen, emotionalen, mentalen und sozialen Wohlbefindens, der weit über das Fehlen von Krankheit oder Beschwerden hinausgeht. Ein zukunftsweisendes Verständnis.

Heutige Patienten sind auf die Datensammlung, -auswertung und -interpretation ihres behandelnden Arztes angewiesen. In ihrer Wahrnehmung sind sie von ihm abhängig. Patienten der Zukunft verfügen selbst über die größte Menge an Daten zum eigenen Gesundheitsstatus und haben Zugang zu deren Auswertung und Interpretation. Während beim klassischen Patienten der Blick Richtung Krankheit, Symptom und Defizit geht, richtet sich der Blick des zukünftigen Kunden auf die Gesundheit. Patienten werden zu Gesundheitskunden.

Kunden suchen passende Dienstleister

Gesundheitskunden verändern mit ihrer Haltung den Gesundheitsmarkt. Sie wählen sich den passenden Gesundheitsdienstleister zur Optimierung ihres Gesundheitszustandes. Dessen Attraktivität wird vom Mehrwert abhängen, den er liefern kann. Entscheidend für die erfolgreichen Dienstleister der Healthcare der Zukunft wird sein, die Bedürfnisse potentieller Kunden genau zu kennen. Sie werden analysieren, wie jeder einzelne ihrer Gesundheitskunden „tickt“, welche Bedürfnisse und Erwartungen er hat und wie man am besten kommuniziert.

Im Sinne einer „optimierten“ Gesundheit könnten in der Welt von morgen Technologien auch genutzt werden, um Körperfunktionen zu erweitern oder voll zu erhalten: Die Kontaktlinse blendet bei Bedarf notwendige Informationen ein. Neue Organe entstehen im 3D-Drucker aus den Stammzellen des Patienten. Vielleicht wird es auch völlig normal sein, Organersatz beim Arzt zu bestellen, lange bevor das Erstorgan seinen Dienst quittiert.

Healthcare der Zukunft Michael Carl

Mensch – Maschine Organismen

Die persönliche Interaktion verliert in Zukunft ihre heutige zentrale Rolle. Menschen werden zunehmend erfahren, dass eine Maschine sie schlicht besser versteht. Die Kommunikation mit Maschinen wir genau deshalb überlegen sein können, weil sie klaren Strukturen folgt und eine Vielzahl von Daten und Parametern berücksichtigt. Konsequent weitergedacht, könnten Computer zu persönlichen Assistenzsystemen werden, die im Auftrag ihrer Besitzer Anrufe durchführen, Informationen und Angebote einholen und das in einer Frequenz und Ausdauer, die Menschen nicht möglich wären. Darauf müssen sich Dienstleister in der Healthcare der Zukunft einstellen.

Als Ergebnis wird sich die Art und Weise von Arbeit vollständig wandeln. Wo wir heute über Schnittstellen zwischen Mensch und Maschine reden, betrachten wir in Zukunft Mensch-Maschine Organismen. In lernenden Systemen werden sich Algorithmen als Werkzeug des Menschen emanzipieren. Sie werden zu de facto vollwertigen Teammitgliedern und übernehmen sogar Führungsaufgaben.

Neue Art des Denkens

All diese Veränderungen erfordern eine grundlegend neue Art des Denkens und damit auch einen Wandel der Unternehmenskultur. Um den Möglichkeiten und Fortschreiten der Digitalisierung in der Healthcare der Zukunft gerecht zu werden, müssen wir unsere Vorstellungen von Werten, Qualität und Umgang mit Fehlern grundlegend überdenken. Unsere bisherigen Denkweisen erlauben uns nicht, mit dem exponentiellen Veränderungstempo mitzuhalten. Wir dürfen nicht einfach nur abwarten. Wir müssen handeln, auch wenn wir Kompetenzen überschreiten und gute Vorsätze umgehen. In der Welt von morgen gilt die Maxime: Besser hinterher um Entschuldigung, als vorher um Genehmigung bitten.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.