Die Zukunft von Healthcare (1/2)

Im Sommer habe ich bei den Roche-Tagen „Diagnostik im Dialog eine Keynote gehalten. Anschließend habe ich ein paar sehr grundlegende Überlegungen zur Zukunft von Healthcare notiert. Sie sind gerade in einer Veröffentlichung von Roche erschienen. Dies ist der erste Teil des leicht gekürzten Texts.

 

Das Gefühl, die Welt drehe sich immer schneller, trügt nicht. Das vertraute lineare und kontrollierte Entwicklungstempo gehört zunehmend der Vergangenheit an. Unsere Umwelt wandelt sich exponentiell – tatsächlich könnte man sagen: Unsere Welt wird sich nie wieder so langsam entwickeln wie heute. Getrieben wird diese Entwicklung von der großen Menge verfügbarer Daten – auch in der Zukunft von Healthcare. Dabei ist die heutige Vorstellung von Datenbeschaffenheit und Datenqualität in der Regel zu eng.

Internet of Everything

Technologieexperten bestätigen: Spätestens bis zum Jahr 2020 werden auch Gedanken und Empfindungen Teile von Daten sein. Schon heute können Elektroden Gehirnströme lesen, mittels derer querschnittgelähmte Menschen ihren Rollstuhl lenken. In wenigen Jahren werden nicht mehr Elektroden direkt am Kopf der Patienten befestigt sein, sondern Sensoren aus einem Meter Entfernung unsere Gedanken lesen.

Jeder Gegenstand des alltäglichen Bedarfs wird potenziell an das Internet angeschlossen und vernetzt sein – der Stuhl, auf dem wir sitzen, unser Kühlschrank oder unser Auto. Beim sogenannten Internet of Everything sind folglich nicht nur Computer, Laptops, Tablets und Smartphones miteinander verbunden, sondern auch intelligente Maschinen, die zusätzliche Daten erzeugen. Für Kinder von morgen ist die Formulierung „Ich gehe ins Internet“ unverständlich, würde es doch bedeuten, dass sie zuvor offline waren.

Die Vernetzung großer Datenmengen führt zu hochgradig adaptiven Produkten, die sich den individuellen, wechselnden Bedürfnissen der Menschen anpassen können. Das gilt auch und gerade in der Zukunft von Healthcare: Aufgezeichnete Daten von Smartphone Apps, Sensoren aus Smart Homes und Wearables eröffnen neuartige Möglichkeiten, Gesundheitsleistungen individuell jedem Patienten anzupassen.

Persönliche Gesundheitsnetze

Diese Form der personalisierten Medizin ist also eine datenzentrierte Medizin. Daten über einen Patienten sind bereits heute zahlreich, sie steigen weiter exponentiell an. Wo gestern vielleicht ein Laborwert und ein Röntgenbild Grundlage einer medizinischen Entscheidung waren, wird in Zukunft multiparametrisch ein Gesamtbild zur medizinischen Handlungsempfehlung erstellt. Das wird auch Strukturen und Abläufe im Rahmen des Patientenmanagements verändern. Patientendaten übernehmen die Führungsrolle in der gesamten Behandlungskette. Das datenbasierte Wissen um den Zustand eines Patienten, und daraus abgeleitete potenzielle Diagnosen, Therapien oder Präventionsmaßnahmen treiben auch eine immer höhere Spezialisierung von Professionen in der Zukunft von Healthcare voran.

Um den einzelnen Menschen werden dynamische Gesundheitsnetze entstehen, deren Knotenpunkte sowohl die traditionellen Akteure der Gesundheitsbranche als auch neu hinzutretende Anbieter bilden, wie Unternehmen der Nahrungsmittelindustrie, aus dem Sport- und Fitnessbereich, der Medizintechnik oder des IT Sektors. Das Tempo der Entscheidungsfindung für Präventionsmaßnahmen oder Therapien steigt, genau wie das von Neuentwicklungen für Produkte und Gesundheitsangebote. Darüber hinaus bietet diese Form der personalisierten Medizin die Chance, neue Orte für die Gesundheit zu finden und Gesundheitsthemen flexibel zu platzieren, etwa im eigenen Zuhause, im Auto, im Restaurant oder am Arbeitsplatz.

Zukunft von Healthcare Michael Carl

Datendeutung und Datenhoheit in der Zukunft von Healthcare

Wenn Patienten über immer mehr Informationen verfügen, bedeutet das nicht gleichzeitig mehr Wissen oder Verständnis. Daher werden die Erklärung und Deutung von Daten sowie die Kommunikation z.B. von Risiken immer wichtiger. Patienten brauchen Experten, die ihnen beratend zur Seite stehen. Allerdings wird diese Rolle in Zukunft nicht mehr automatisch dem Hausarzt zufallen. Vielmehr konkurrieren unterschiedliche Player der Gesundheitsbranche um diese meist zeitlich begrenzte Funktion. Das können Ansprechpartner für bestimmte Krankheitsbilder sein – für den Krebspatienten der Onkologe, für die Frau mit Kinderwunsch der Gynäkologe – oder Ansprechpartner, die in einer bestimmten Lebensphase wichtig sind, für einen alten Menschen z.B. eine Pflegeperson. Es wird eine Konkurrenz um die Steuerungsfunktion entstehen. Denn wer diese Rolle innehat, entscheidet maßgeblich über die weiteren Player im Netzwerk und deren Versorgungsaufgaben.

Blockchain als Schlüssel

Alle diese Prognosen treten natürlich nur dann ein, wenn Menschen ihre persönlichen Daten für eine medizinische Analyse freigeben. Datenschutz der Zukunft muss daher heißen, dass der Patient die Hoheit über seine Daten besitzt. Er bestimmt, wie mit ihnen verfahren wird. Er muss sich darauf verlassen können, dass seine Daten jederzeit aktuell verfügbar. Gleichzeitig muss er sie vor dem Zugriff nicht autorisierter Dritter geschützt wissen. In diesem Zusammenhang spielt die Blockchain-Technologie eine entscheidende Rolle. Die bekannteste und älteste Blockchain-Anwendung ist die digitale Währung Bitcoin. In der Blockchain werden Informationen nicht auf einem einzelnen Server gespeichert, sondern jeweils dezentral auf verschiedenen Rechnern in einem Netzwerk. Um Informationen zu verfälschen, reicht es nicht mehr aus, einen einzelnen Server zu hacken, sondern eben jeden einzelnen Computer in der Blockchain. Das macht die Technologie besonders sicher und damit auch geeignet für den Austausch sensibler Gesundheits- oder Krankheitsdaten in der Zukunft von Healthcare.

 

Lesen Sie in Teil zwei des Textes, wie die datenzentrierte Medizin zu einem neuen Bild von Krankheit und Gesundheit führt. Die digitale Kommunikation verändert die Zukunft von Healthcare von Grund auf.

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