SITiG und bitkom fordern eine Bundesagentur digitale Medizin

Es gibt gute Gründe, die Entwicklung zu einer digitalisierten Gesundheitswirtschaft in Deutschland für zu langsam zu halten. Leider gibt es sogar viele gute Gründe dafür. Wer wieder einmal zuschauen darf, wie medizinische Fachkräfte die Patientendaten per Hand in die Datenbank des Krankenhauses überführen, Abschreibefehler inklusive, der hat hier keine Fragen mehr. Das Gerät ist mal wieder außer Betrieb. Mir so widerfahren vor zehn Tagen. Bitkom und SITiG haben nun vorgeschlagen, eine Bundesagentur digitale Medizin zu gründen, um hier für Beschleunigung zu sorgen.

Ein Motor für Gesundheitskommunikation?

Diese Bundesagentur soll, so die Veröffentlichungen der Initiatoren in kurz und lang, Standards entwickeln, um sichere Gesundheitskommunikation zu ermöglichen. Im Deutsch des bitkom: „Eine Bundesagentur für Digitalisierte Medizin kann Rahmenbedingungen für technische und semantische Interoperabilität und zur Umsetzung von Datenschutz- und Datensicherheitsvorgaben schaffen.“ So Achim Berg, bitkom-Präsident. Dies wirke katalytisch, vereine alle Akteure und werde Deutschland zum „Technologie- und Forschungsstandort Nummer Eins“ der Medizin in Europa machen. Es fehle einzig noch die eHealth-Strategie der Bundesregierung, auf die man dies alles aufbauen könne. Ein Schelm, wer an die KI-Strategie der Bundesregierung und ihr fast schon komisch formuliertes Ziel denkt, Künstliche Intelligenz als „Exportschlager“ zu etablieren.

Die Ärztezeitung bringt den Vorstoß von SITiG und bitkom (unfreiwillig?) auf den Punkt: Im Kern geht es beiden Verbänden hier um Kontrolle. Mit dieser Bundesagentur digitale Medizin wollen die eine neue Instanz der zentralen Aufsicht schaffen.

„More Power to the Patient“

Der Vorstoß passt in das Bild einer Zukunft von Healthcare, wie sie von den Verbänden seit langem gefordert wird. Das Ergebnis dieser Forderungen ist bekannt. Der Vorstoß passt auch zum Tenor der „Digital Health“-Konferenz, die der Verband Bitkom in der vorigen Woche in Berlin ausgerichtet hat.“More Power to the Patient“, so der Titel der Konferenz. Die Ergebnisse dieser Konferenz sind hier sehr prägnant zusammengefasst.  Kernergebnis der Keynotes und Beiträge: Es brauche die elektronische Patientenakte. Und wieder: Jede Menge Lösungen für das Objekt Patient. Aber nur wenig Macht für den Nutzer des Systems, nur wenig Entscheidungskompetenz für den Kunden der Gesundheitswirtschaft. Der Mensch wird immer wieder zum Patienten gemacht. Und ein „Patient“ benötigt ganz offensichtlich immer andere, die wissen, was gut für ihn ist. Andere, die für ihn entscheiden, und andere, die seine Versorgung verbessern. Andere, die ihn zum Objekt machen, und andere, die dafür Bundesagenturen gründen.

Zukunft von Healthcare

Noch einmal zum Mitschreiben: Wer seine Außendienstler mit iPads ausstattet, hat seinen Vertrieb noch nicht digitalisiert. Wer eine Schulklasse mit Laptops versorgt, hat noch keinen Beitrag zu digitaler Bildung geleistet. Und wer eine Agentur fordert, die in einem langen Prozess und viel Aufwand Standards zur Interoperabilität von Daten im Zuge der Einführung der elektronischen Gesundheitskarte entwickeln soll, der hat weder die Gesundheitswirtschaft digitalisiert, noch einen nennenswerten Beitrag zur Zukunft von Healthcare geleistet.

Die Healthcare der Zukunft versetzt Menschen in die Lage, ihren Gesundheitszustand und ihr Wohlbefinden zu messen, zu ändern und zu heben – idealerweise über eine natur- oder gottgegebene Marke von 100% hinaus. Hierfür werden Menschen Technologie nutzen: Daten unterschiedlichster Art und Güte, Algorithmen zu deren Auswertung, Datenbanken, Gentechnik, 3D-Druck und dergleichen mehr. Das ist die Tragweite der Digitalisierung der Gesundheit. Wer dies durch eine Bundesagentur unterstützen möchte, sollte eine Agentur auflegen, die – analog zur frisch aufgelegten Digitalagentur der Bundesregierung – Sprunginnovationen finanziell und strukturell fördert. Hierfür besteht – siehe oben – jede Menge Raum. Eine Bundesagentur digitale Medizin, die letztlich dem Geist der Steuerung eines komplexen Systems entspringt, wird genau das Gegenteil erreichen.

 

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