Digitale Diagnose: Disruption beginnt nicht im Harmlosen

Zwei Tweets sind mir heute durch die Timeline gerauscht. Beide berühren die Thematik digitaler Diagnosen und sie zeigen ein eigenwilliges, scheinbar widersprüchliches Bild. Ist die digitale Diagnose besser – oder doch die des humanen Arztes? Und von wem wollen wir eine solche Diagnose erhalten?

Digitale Diagnose als Lebensretter?

Von der Intelligent Health AI aus Basel kommen positiv geprägte Nachrichten, begeistert von der Machbarkeit.

Digitale Diagnose: AI can do

Man könnte einwenden: Wo ist die News? Dass die Diagnosefähigkeit von halbwegs modernen Systemen künstlicher Intelligenz dem menschlichen Expertenwissen überlegen ist, darf nun wirklich nicht mehr überraschen. Dieses Ungleichgewicht ist vielfach belegt. Jeder Onkologe, jeder Radiologe, wahrscheinlich nahezu jeder Laborarzt wird dies bestätigen. Auch wenn die Vorstellungen von den Konsequenzen wohl erheblich differieren: Der Fakt ist unstreitig.

Analoge Studenten am MIT?

Der Futurist Andrew McAfee zeichnet ein anderes, aber doch bemerkenswertes Bild aus seiner Praxis an der Universität:

Digitale Diagnose

Entgegen jeder Ratio, scheint es, nimmt die nachwachsende digitale Elite – denn nichts anderes wird hier am MIT ausgebildet – faktisch Nachteile in Kauf. Sie entscheidet sich für die humane Diagnostik und nicht für die digitale Diagnose. Über die Motive äußert er sich nicht. Selbst wenn, würde hier kaum ein statistisch verlässliches Bild entstehen.

Drei Modelle der Interpretation

Legen wir die beiden Eindrücke nebeneinander und deuten sie gemeinsam. Drei Deutungsmuster bieten sich an:

Interpretation 1: Technologische Faszination ist im Zweifel immer die Lösung für die anderen. Autonomes Fahren ist so begeisternd wie sinnvoll. Nur das eigene Lenkrad darf bleiben. Ich nenne dies das Defizitmodell der technologischen Disruption. Handlungsleitend ist die Angst vor dem Verlust vertrauter Lösungen, Services und Features, bei aller technologischen Faszination.

Interpretation 2: Der Zeitversatz zeigt einen scheinbaren Widerspruch. Dies ist das Modell der Harmonisierung im Zeitverlauf. Heute lehnen die Studenten ab, woran sie sich im Laufe der kommenden Jahre gewöhnen werden. Ein auf ersten Blick naheliegender Gedanke. Auf zweiten Blick trügerisch: Wer sich von dieser Interpretation leiten lässt, steht in der Gefahr, den disruptiven Charakter von Innovation zur Unkenntlichkeit mit Harmoniesauce zu überdecken.

Interpretation 3: In diesem Gegenüber wird deutlich, wie sich eine der wichtigsten Innovationen im Gesundheitswesen vollziehen wird. Das Modell der Sinnstiftung durch Innovation. Eine herkömmliche Diagnose, bei der es nicht um Leben und Tod geht, wird auch auf absehbare Zeit von einem menschlichen Arzt gestellt und kommuniziert werden können. Selbst wenn eine KI faktisch besser wäre: Ein echtes Risiko besteht nicht. Geht es aber um die Bedrohung durch tödliche Krankheiten, bietet KI einen Qualitätssprung; wer diese Bedrohung überwinden will, ist bei der Wahl der Mittel weniger wählerisch. Hauptsache, es wirkt.

Disruption beginnt nicht im Harmlosen

Setzt sich dieser dritte Ansatz durch, werden wir KI sehr bald im Einsatz sehen. Der Siegeszug der KI wird allerdings gerade nicht im Harmlosen und Riskofreien beginnen, sondern – ganz im Gegenteil – dort, wo es wirklich zählt: Beim Kampf gegen lebensbedrohliche Krankheiten. Ebola, Malaria, schneller Krebs werden die KI in den Alltag von Healthcare bringen, bevor sie sich auch dem Kampf gegen Schnupfen und Läusebefall widmet. Irgendwann später.

Ich neige, Sie werden es ahnen, zur dritten Interpretation. Die wichtigsten Innovation der Healthcare der Zukunft wird bei Fragen von Leben und Tod beginnen. Aber bitte, urteilen Sie selbst.

 

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