Der demografische Wandel: Eine gute Nachricht

Der demografische Wandel und Healthcare: Das Kerngeschäft der Krankenversicherung der Zukunft wird es nicht mehr nur sein, Kranke zu heilen. Krankenversicherungen werden Gesunde unterstützen – von der Prävention von Krankheiten bis zur Steigerung von Wohlbefinden und Lebenserwartung. Dies ist das Ergebnis einer aktuellen Trendstudie des 2b AHEAD ThinkTanks. Der demografische Wandel wirkt sich hier direkt aus.

Der demografische Wandel verändert Krankenversicherungen

Die Gesundheitsbranche wird bis zum Jahr 2030 einen beispiellosen Wandel erleben. Mit der Digitalisierung wachsen die Möglichkeiten medizinischer Forschung, Diagnostik, Therapie, Rehabilitation und Prävention mit exponentieller Geschwindigkeit. Diese Effekte zeigen sich nirgends so deutlich wie bei den am stärksten wachsenden Gruppen unserer Gesellschaft:

  • Den Alten, die sich auch im Ruhestand noch nicht alt fühlen,
  • den noch Älteren, die vielfach immer noch ein aktives und tätiges Leben werden führen können, und
  • den sehr Alten, heute noch selten, bald schon eine Alltäglichkeit.
Die gute Nachricht

Die Mehrheit der heutigen Prognosen und Zukunftsstudien thematisieren den demografischen Wandel als Problem und Bedrohung. Natürlich wird er uns vor gesellschaftliche und wirtschaftliche Herausforderungen bislang unbekannten Ausmaßes stellen. Aber sowohl für den Einzelnen wie auch für unser Gemeinwesen markiert der demografische Wandel den größten vorstellbaren Fortschritt: Die erhebliche Verlängerung des eigenen Lebens in Aktivität und Selbstbestimmung. Der demografische Wandel mag eine teure Nachricht, er ist vor allem: eine gute Nachricht.

Menschen, die in diesem Jahrzehnt geboren werden, erreichen realistisch ein Alter von über 100 Jahren. Es ist das Zusammenspiel vier einflussreicher Treiber, welches den Traum vom längeren Leben in greifbare Nähe rückt. Erste Bedingung ist die frei verfügbare Genanalyse. Die zweite Entwicklung betrifft die Züchtung individueller Kopien innerer Organe, die gegebenenfalls gegenüber der Vorgängerversion optimiert sind. Dritte Voraussetzung ist ein umfassendes Verständnis der Alterungsprozesse von Menschen. Das vierte Element ist die Synchronisierung der menschlichen Psyche mit der virtuellen Welt. In allen vier Feldern ist ein Durchbruch der Forschung in den kommenden Jahren wahrscheinlich.

Der Vollständigkeit halber: Es existiert eine begründete Gegenposition hierzu, gerade hier im Blog aufgegriffen. Sie wird vertreten unter anderem durch den Medizinethiker Ezekiel J. Emanuel. Er fürchtet die Verlängerung als Phase der Hilflosigkeit und schwindenden Würde.

Die Steigerung des Wohlbefindens

Ein entscheidender Wandel im Umgang mit menschlicher Gesundheit ist das Verschwinden der binären Annahme, ein Patient sei entweder gesund oder krank. Diese kategorische Unterscheidung war ohnehin immer eine Fiktion. Niemand ist nur krank oder nur gesund. Stattdessen lässt sich – die entsprechende Menge von Daten und deren kontinuierliche Erhebung vorausgesetzt – das individuelle Wohlbefinden messen und auf einer Skala verorten. Damit wandelt sich das Ziel medizinischen Handelns. Stand gestern noch Reparatur und Schadensvermeidung im Vordergrund, ist es morgen die schrittweise Verbesserung des eigenen Wohlbefindens. Was kann ich tun, um mich morgen etwas besser zu fühlen – und wer unterstützt mich dabei? Die aufgeklärten Gesundheitskunden der Zukunft wählen sehr bewusst und mit Unterstützung digitaler Assistenzsysteme den kompetentesten Mediziner für ihre Situation, die passende Versicherung und den vertrauenswürdigen Datenmanager aus ihrem individuellen Gesundheitsnetz aus. Gleichzeitig werden sie es nicht mehr akzeptieren, dass das Zusammenspiel mehrerer Leistungserbringer mit erhöhtem Aufwand für sie verbunden ist.

An die Stelle der immer gleichen Bonushefte von Krankenversicherungen und pauschalen und in Summe ungerichteten gesundheitsfördernden Maßnahmen treten damit in naher Zukunft evidenzbasierte, personalisierte Empfehlungen zur gezielten Vorsorge.

Testfall Robotik in der Pflege

Dies lässt sich sehr deutlich am Aufkommen der Robotik in der Pflege zeigen. Robotik wird im Laufe der 20er Jahre zu einer weit akzeptierten Selbstverständlichkeit. Im Bereich der Demenzpflege gilt dies schon lange. Dass ein Roboter ohne weiteres die Geduld aufbringt, dieselbe Frage, dieselbe Geschichte, dieselbe Erregung immer wieder wie beim ersten Mal anzuhören, erleichtert diese Entwicklung zusätzlich.

Die Entwicklung wird aber nicht auf animierte Stofftiere beschränkt bleiben. Das zeigt das Beispiel Medikamentengabe. Wo heute noch Mitarbeiter des Pflegedienstes per Hand tätig werden müssen, ist das Verfahren aufwendig und fehleranfällig. Eine automatisierte Medikamentenausgabe beim Pflegebedürftigen zuhause ist der nächste Schritt: Die individuelle Umsetzung des Medikationsplans durch einen Pillenroboter. Im nächsten Schritt lernen Roboter, den Gesundheitszustand des Menschen zu analysieren. Per Blutprobe, Luftanalyse, Ernährungstracking, später per Beobachtung der Hauttemperatur, der Bewegungsmuster und durch Stimmanalyse. Die Wirkstoffgabe wird in Echtzeit passend berechnet.

In der nächsten Ausbaustufe ist der Medikationsroboter in der Lage, die individuell angemessenen Wirkstoffe direkt vor Einnahme auf einen Trägerstoff zu drucken. Ist das eine Arbeitserleichterung für den Pflegedienst? Mit großer Sicherheit. Hat diese Entwicklung und damit mittelbar der demografische Wandel das Potenzial, das Wohlbefinden des einzelnen Pflegebedürftigen zu verbessern? Mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit. Das sind die einfachen Fragen. Aber auf wessen Wissen stützt sich der Roboter? Sobald er auf vernetztes medizinisches Wissen zugreifen kann, wird seine fachliche Kompetenz stets höher sein als die des einzelnen Arztes. Der Hausarzt wird vorerst noch zur Ausstellung von Rezepten gebraucht, auch eine Existenzberechtigung. Sein Beruf wird sich nachhaltig verändern, eine These, die Markus Bönig von Vitabook hier gerade bestätigt hat. Der Bezug der Medikamente oder Wirkstoffe muss ohnehin nicht in der Apotheke um die Ecke erfolgen. Hier öffnen sich vollständig neue Geschäftsfelder für neue Akteure.

Smart Home

Ein zusätzlicher Treiber dieser Entwicklung ist die derzeit exponentiell wachsende Vernetzung von Gebäuden, beginnend mit Ambient Assistent Living. Das Smart Home des pflegebedürftigen Menschen ist der erste und kompetenteste Pflegeroboter. Damit spätestens sind auf einmal ganz neue Akteure in der Gesundheitswirtschaft tätig: Netzbetreiber, Immobilienverwalter, Bauunternehmer, Hersteller von Elektronik und Sensorik. Auch dies eine mittelbare Folge des demografischen Wandels.

Krankenversicherungen als Gesundheitsförderer der Zukunft müssen sehr viel früher im Ablauf ansetzen, wodurch sie in der Wahrnehmung der Gesundheitskunden eine sehr viel aktivere und positiver besetzte Position einnehmen werden. Das Gießkannen-Prinzip hat ausgedient. In Zukunft reagieren Gesundheitsförderer nicht erst, wenn Gesundheitskunden krank sind, sondern überwachen kontinuierlich den aktuellen Gesundheitszustand und handeln vor dem Eintreten einer absehbaren Erkrankung. Auch dies: Eine gute Nachricht.

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