Healthcare im Alter: Warum dieser Mann seine medizinische Versorgung selbst begrenzt

Wir leben immer länger. So weit so vertraut. Jedenfalls aus einer westlichen Perspektive ist das im Grunde gleichbedeutend mit: Das ist ein enormer zivilisatorischer Fortschritt. Wir werden älter – und wir werden den Zugewinn an Lebenszeit gesund und fit genießen können. Healthcare im Alter sorgt dafür, dass wir die Phase des aktiven Lebens verlängern. Sie verspricht, die Zeit der hilflosen, leidenden Existenz begrenzen und einschränken.

Die Gegenthese vertritt Ezekiel J. Emanuel, Onkologe und Medizinethiker an der University of Pennsylvania. Er zeigt auf: Zwar verschieben wir den Zeitpunkt unseres Todes nach hinten. Der Zeitpunkt jedoch, ab dem wir nicht mehr fit und aktiv leben können, wandert nach vorn. Und zwar drastisch. Seine Konsequenz: Er plant, sein Leben zu begrenzen. 75, so die Aussage, sei ein gutes Alter, um bei Familie und Freunden positiv in Erinnerung zu bleiben. Um präzise zu sein: Emanuel plant weder Selbstmord noch Sterbehilfe. Er wird aber nach seinem 75sten Geburtstag nur noch palliative Medizin akzeptieren, keine kurative. Keine Tests zur Vorsorge, keine Ernährungsoptimierung, keine Übungen zur mentalen Fitness. Healthcare im Alter ausschließlich für das Wohlbefinden, nicht für die Verlängerung des Lebens.

Seine Position und die zugrunde liegenden Statistiken hat er in einem ausführlichen Artikel in The Atlantic veröffentlicht: Why I hope to die at 75. Aus meiner Sicht eine Pflichtlektüre. Die Redakteurin Mareike Kürschner hat ein Gespräch noch einmal aufgenommen und jetzt, vier Jahre nach der Aussage, noch einmal nachgefragt (Paywall). Inzwischen ist Emanuel 61 Jahre alt – das selbst gewählte Ende rückt in Sicht. Die Position steht.

Ezekiel Emanuel, University of Pennsylvania

Der Weg zur Selbstbestimmtheit

Zwei Gedanken stechen heraus: Emanuel beschreibt geradezu berührend, wie der Fakt des selbstgewählten Endes seine Perspektive auf die Jahre davor vollständig verändert. Wie er selbst sich aktiviert fühlt, sich um die großen Fragen des Lebens zu kümmern. Um wichtige Personen aus seinem Umfeld, um Lernen, Erleben, Erfahren . Ganz offensichtlich führt gerade die Begrenzung der Lebensdauer zu genau dem Maß an Selbstbestimmung und Selbstwirksamkeit, das die Anbieter der Healthcare im Alter oft vergeblich versprechen.

Der zweite Gedanke liegt auf einer übergeordneten Ebene: Wir leisten es uns, einen erheblichen Anteil der Gesundheitskosten allein für die Versorgung in den letzten 14 Tagen des Lebens auszugeben. Vor diesem Hintergrund ist der bewusste Verzicht auf den Versuch der Healthcare im Alter, noch einige Monate Lebenszeit herauszuschinden, geradezu revolutionär. So nachvollziehbar dieser Versuch im Einzelfall ist – aus übergeordneter Perspektive mutet er manchmal etwas verzweifelt an.

Ich stelle zur Diskussion: Je besser wir verstehen, das menschliche Leben zu verlängern, desto stärker wächst unsere Verantwortung, auch den Zeitpunkt selbst zu bestimmen, an dem sich der Bogen in Würde schließt. tbc.

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